Beton, der leuchtet

Mein Beitrag für die NZZ zum 75. Jahrestag des Kriegsendes: Eine Reise entlang des nordfranzösischen Atlantikwalls.

Den Atlantikwall zum Leuchten bringen: Im Norden Frankreichs werden Bunker zu Kunstwerken

Die Nationalsozialisten überzogen die Atlantikküste mit einem Festungssystem. Die Überreste zeugen von den Wunden, die der Weltkrieg in die Landschaft schlug. Doch die Bürde der Vergangenheit kann auch eine kreative Herausforderung sein.Georg Renöckl25.04.2020, 05.30 UhrHörenMerkenDruckenTeilen

«Réfléchir»: Das Kunstwerk aus Spiegeln, geschaffen von Bertrand Seguin, überstrahlt einen einstigen Betonbunker, ohne die Vergangenheit zum Verschwinden zu bringen.

13 Millionen Tonnen Beton, 290 000 Zwangsarbeiter, Hunderte in Todeszonen verwandelte Strandkilometer, 300 000 zur Verteidigung abgestellte Soldaten: ein immenser Aufwand, erkauft durch unfassbares menschliches Leid – und doch nur ein «riesiger Bluff». Um nichts anderes handelte es sich für Gerd von Rundstedt, Oberbefehlshaber von Hitlers westlichen Streitkräften, beim sogenannten Atlantikwall.

Die führenden Militärs wussten, dass die lose Kette von Bunkern und Festungen, sollte sie auch nur an einer Stelle durchbrochen werden, aufgrund ihrer zu geringen Verteidigungstiefe unhaltbar wäre. Die Treffsicherheit dieser Diagnose bewies der Juni 1944.

Doch auf den Bluff folgte zunächst ein Gegenbluff: Intensive Bombardements der Küstenabschnitte an der Strasse von Dover bestärkten die Deutschen im Glauben, dass die Alliierten für ihre Landung auf dem Kontinent den kürzesten Seeweg wählen und an den Stränden des Pas-de-Calais angreifen würden, während die Operation Overlord dann ein gutes Stück weiter im Süden stattfand.

Sie liegen noch an Ort und Stelle, teils zu Trümmern zerbombt, teils intakt geblieben, von der Natur in Beschlag genommen oder vom Menschen für andere Zwecke genützt: die Reste des Atlantikwalls, die bei aller militärischen Ineffizienz doch viel zu massiv waren, um an ihre Beseitigung nach Kriegsende auch nur denken zu lassen. In Nordfrankreich, wo die Deutschen die Landung der Alliierten erwarteten, aber auch ihre Vergeltungswaffen gegen London positionierten, sind besonders viele stumme Zeugen des nationalsozialistischen Grössenwahns zu bestaunen – im Urzustand oder in neuer Funktion.

Monumentale Sinnlosigkeit

Ein von der Natur zum Mahnmal gemachter Bunker befindet sich am Strand von Le Hourdel, an der Südspitze der Somme-Bucht: Wie ein besiegtes Monster liegt der düstere Koloss aus Stahlbeton kläglich umgekippt auf dem Sand, von den Gezeiten aus seiner Verankerung gerissen und unbrauchbar gemacht, erbärmlich und doch furchteinflössend.

Längst ist er zu einem Wahrzeichen der sonst vor allem für ihren spektakulären Gezeitenunterschied bekannten Landschaft an der Mündung der Somme geworden, wo sich neben historisch Interessierten hauptsächlich Robben- und Vogelbeobachter treffen – ein in seiner monumentalen Sinnlosigkeit beeindruckendes «objet trouvé», das die Geschichte der pikardischen Küste hinterlassen hat.

Scheinbar in ihrem furchterregenden Originalzustand verblieben ist hingegen die «Batterie Todt» 70 Kilometer weiter nördlich, am Cap Gris-Nez, nur 33 Kilometer von der Südküste Englands entfernt. Sie zählte zu den wichtigsten Festungen des Atlantikwalls und war ursprünglich mit vier 28-cm-Geschützen von über 80 Kilometern Reichweite ausgestattet. Eine der riesigen Kanonen, «Leopold» genannt, steht heute noch dort, als wäre sie jederzeit wieder dazu bereit, die englische Südküste unter Beschuss zu nehmen.

Im zum Museum gewordenen Inneren des Bunkers zeichnen Uniformen, Alltagsgegenstände und militärische Dokumente das Leben der Soldaten und die Einsätze der Kanonen nach. Ein Souvenirshop mit zweifelhaften Erinnerungsgegenständen schliesst eine Besichtigung ab, die zu den beklemmendsten Erfahrungen zählt, die man an diesem herrlichen Flecken Erde machen kann. Sogar der kleine Wald nebenan ist Teil der düsteren Geschichte des Ortes; er wurde zur Tarnung angelegt.

Der gekenterte Planet

Um den Kopf wieder frei zu bekommen, empfiehlt sich ein Spaziergang: In einer Viertelstunde erreicht man auf einem Weg quer durch Gemüsefelder eine «Cran Poulet» genannte kleine Bucht zwischen den Uferfelsen, die von einer Statue der Jungfrau Maria geschmückt wird. Der bizarr geformte Fels ist blaugrau, das Meer schillert in der ganzen Bandbreite von Opalnoten, die dem Küstenabschnitt seinen Namen gegeben haben.

Auch hier steht ein von der Brandung umtoster Bunker, doch er wirkt nicht mehr kriegerisch: Ein unbekannter Graffiti-Künstler hat den vergleichsweise kleinen Betonkubus mit einem riesigen Auge verziert, das dem Wanderer unverwandt entgegenblickt. Oder sieht es doch eher aufs Wasser hinaus? Ein Satz neben dem Bild ist weitgehend verwittert, «Planète» lässt sich noch entziffern und «chavire», also «kentert».

Genug, um es dem Auge gleichzutun und nachdenklich auf das Stückchen Atlantik hinauszublicken, dessen Bezeichnung «Ärmelkanal» so viel harmloser klingt, als es der oft so ungestüm an der Küste rüttelnde Ozean eigentlich ist. Vor der existenziellen Bedrohung, der wir auf unserem wärmer werdenden Planeten heute überall entgegensehen, schützt kein Bunker.

Narben werden nicht verborgen

Der Landstrich um das Cap Gris-Nez mit seinen Buchten und Blockhäusern zählt zu den achtzehn mit dem Label «Grand Site de France» ausgezeichneten Gebieten Frankreichs, wozu aber nicht nur die landschaftliche und architektonische Schönheit der Küste und die intakte Landwirtschaft des Hinterlands beitragen: «Wir haben uns mit dem klar formulierten Willen um das Label beworben, die Narben, die der Weltkrieg in die Landschaft geschlagen hat, nicht zu verstecken», erklärt Diana Hounslow, oberste Touristikerin des Département Pas-de-Calais.

Nicht nur die Landschaft hat Wunden davongetragen. Diana Hounslow erzählt von einem Drehtag mit einem belgischen Filmteam im Dorf Eperlecques. Dort hatten die Nazis eine Abschussrampe für ihre V2-Raketen mit angeschlossener Flüssigsauerstofffabrik errichtet, einen der grössten Bunker Frankreichs, der jedoch noch vor Abschluss der Bauarbeiten durch Bomber der Alliierten unschädlich gemacht wurde.

Ein alter Herr, der den Bau als Kind miterlebt hatte, erklärte der perfekt französisch sprechenden gebürtigen Britin, die er für einen Teil des belgischen Teams hielt: «Sie haben Glück, dass Sie keine Engländer sind, sonst hätte ich nicht mit Ihnen gesprochen.» Mehr war aus dem Mann nicht mehr herauszubekommen, der zuerst die Naziherrschaft und dann die Luftangriffe der Alliierten auf sein Heimatdorf miterleben musste. Hunderte Zwangsarbeiter starben im Bombenhagel.

Auch Eperlecques ist heute ein Museum, das seine Wirkung auf den Besucher nicht verfehlt. Eine etwas effektheischende Inszenierung mit Kriegslärm, Hundegebell und markant platzierten Erinnerungsstücken trägt dazu bei, doch es ist vor allem die gigantische, auch bei sommerlichen Temperaturen eisige Kälte aus ihrem Inneren verströmende Betonruine selbst, deren martialische Ästhetik tonnenschwer auf dem Gemüt lastet.

Heimstätte für Fledermäuse

Ähnlich ist der Eindruck bei einem Besuch der «Coupole», wie ein weiterer Raketensilo im Grossraum von Saint-Omer heisst, oder, auf halbem Weg zur Küste, beim Bunker von Mimoyecques: Es handelt sich um die Reste einer Abschussrampe für eine «Vergeltungswaffe 3» genannte Mehrkammerkanone, mit der die Nazis London direkt beschiessen wollten. Ihre Rohre waren hundert Meter lang und mussten fix installiert werden.

Tausende Zwangsarbeiter schufteten unter der Oberfläche des Hochplateaus von Mimoyecques, das im Frühjahr 1944 durch Tallboy-Bomben zerstört wurde. Die Krater in der Landschaft sind 15 Meter tief und haben Durchmesser von 35 Metern. Zumindest eine Bombe fiel direkt ins Stollensystem und brachte es zum Einsturz. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, ist nicht bekannt. In den Resten der V3-Anlage haben sich mittlerweile seltene Fledermausarten angesiedelt.

«Dark tourism» ist aber nicht der beste Grund, den einen oder anderen Überrest des Atlantikwalls aufzusuchen. Standen in den Jahrzehnten nach dem Krieg die einander widersprechenden Bedürfnisse im Vordergrund, die schrecklichen Ereignisse entweder möglichst gründlich zu verdrängen oder aber museal aufzubereiten, auf dass auch spätere Generationen ihrer gedenken können, geht man heute längst unverkrampfter mit den Zeugen der Vergangenheit um.

«Man muss die Vergangenheit ausleuchten, um die Gegenwart aufzuklären», sagt der Künstler Bertrand Seguin. Im Bild der Bunker am Strand von Leffrinckoucke.

Zwischen Dunkerque und der belgischen Grenze, bei Leffrinckoucke, befindet sich in den Stranddünen eine weitere Festungsanlage. Wie ein Elefantenfriedhof für Betonriesen wirkt sie vom schier endlosen Sandstrand aus. Die aus ihren Positionen gerissenen Kolosse am Strand und die intakten Unterstände hinter den Dünen sind von Graffiti übersät. Hier ist Bertrand Seguin aufgewachsen, ein heute 42-jähriger plastischer Künstler, der nach langen Aufenthalten in Asien mittlerweile in Paris lebt.

Das Bunkersystem von Leffrinckoucke war der Abenteuerspielplatz seiner Kindheit. Als Erwachsener begriff Seguin, wie belastend das Erbe des Zweiten Weltkriegs für die Menschen in seiner Heimat war. Dunkerque, Schauplatz der Operation Dynamo, im Zuge deren die in der Falle sitzende britische Expeditionsarmee im letzten Moment aus der deutschen Umklammerung gerettet werden konnte, liegt in Sichtweite. Das Wrack eines der damals von Stukas attackierten Zivilschiffe, die zur Evakuierung der Soldaten herangezogen wurden, ist bei Ebbe nach wie vor zu sehen: Vor dem Nachbarort Zuydcoote lief der in Brand geschossene Themse-Raddampfer «Crested Eagle» auf Grund, wie viele Menschen dabei starben, weiss niemand.

Spiegeln und nachdenken

2014 hatte Bertrand Seguin, der sorgenvoll beobachtete, wie die einst für ihre Solidarität bekannten Menschen im Norden Frankreichs angesichts der Migrationskrise überfordert und immer defensiver reagierten, eine Idee. Ohne lang um eine Genehmigung anzusuchen, begann der Künstler, Spiegelscherben auf ein etwas isoliert von den anderen am Rand der Dünen gelegenes Betonblockhaus zu kleben. Seguin wollte seiner Heimat zu neuem Selbstbewusstsein und einem neuen Wahrzeichen verhelfen. Stück für Stück verschwand das finstere Nazi-Blockhaus hinter einer vielfach gebrochenen spiegelnden Oberfläche.

«Eine Genehmigung hätte ich dafür nie bekommen, also habe ich ein Buch aufgelegt, in dem Passanten ihre Meinung zu meinem Projekt festhalten konnten, während ich schon daran arbeitete. Das Echo war überwältigend, damit bin ich dann zu den Behörden gegangen.» Die offizielle Erlaubnis trudelte denn auch wenig später ein. 18 Monate nachdem Seguin die erste Scherbe auf dem Beton befestigt hatte, stand das völlig verwandelte Blockhaus vor ihm: Aus einem düsteren Gebäude war ein strahlend helles Objekt geworden, das auch noch den letzten Rest Tageslicht einfängt und reflektiert.

Der scheinbar rigide und unveränderliche Block wirkt mit einem Mal lebendig und wechselt ständig sein Äusseres, an die Stelle der Robustheit des Betons ist die Zerbrechlichkeit der Spiegel getreten. «Réfléchir», was «Widerspiegeln», aber auch «Nachdenken» bedeutet, nennt Seguin sein Kunstwerk, das die düsteren Zeitzeugen an der Küste überstrahlt, ohne den Betonkoloss von einst dafür völlig zum Verschwinden gebracht zu haben.

«Man muss die Vergangenheit ausleuchten, um die Gegenwart aufzuklären», sagt Seguin überzeugt, der weitere Projekte im Raum Dunkerque plant. Mit dem Bild des verwandelten Bunkers vor Augen und diesem Satz im Gepäck wird die Fahrt entlang der Betonreste des Atlantikwalls nicht zur blossen Pilgerfahrt in die finstere Vergangenheit, sondern zum Durchmessen eines vielversprechenden Möglichkeitsraums. Beton, der auf vielfältige Weise noch zum Leuchten gebracht werden kann, gibt es hier schliesslich genug.

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