Ein Hoch auf Shitty City

Meinen Reisebericht aus Oulu gibt es hier in der SZ zu lesen.

Ernsthaft betriebene Unernsthaftigkeit als Weg zum Glück: Eindrücke aus Oulu, der europäischen Kulturhauptstadt 2026.

Von Georg Renöckl

Shitty City?

Der Fluss Oulujoki, in dessen Delta im kommenden Sommer gefeiert werden wird, hat der Großstadt an der Grenze zu den dünn besiedelten Weiten Lapplands ihren Namen gegeben. Das Wort stammt aus der Sprache der Samen, von denen etwa 1000 in Oulu leben. Unter dem Motto „Cultural climate change“ soll die Stadt, die im 19. Jahrhundert einer der weltweit bedeutendsten Exporthäfen für Holzteer war und sich in den vergangenen Jahrzehnten als Universitäts- und Hightech-Metropole etabliert hat, nun mit Kultur geflutet werden.

Einen Schwerpunkt legen die Veranstalter dabei auf die Kultur der Samen. Jahrzehntelang waren sie der Assimilierung ausgesetzt, nun werden sie durch eine Ausstellung im Kunstmuseum, Rap-Konzerte und die erste Sami-Oper der Geschichte auf die ganz große Bühne gehoben. Neben der Hochkultur geht es im Programm von „Oulu2026″ um Alltags- und Lebenskultur – von lokalen Lebensmittelproduzenten, die unter dem Label „Arctic Food Lab“ beworben werden, bis zum Saunafestival „Naked Truth“.

Doch so lebendig und innovativ war die Stadt nicht immer. Noch in den 1980er-Jahren widmete der aus Oulu stammende Rockmusiker Kauko Röyhkä seiner Heimatstadt ein Lied mit dem Titel „Paska kaupunni“, übersetzt „Shitty City“ – und empfahl, Oulu weit hinter sich zu lassen, um dem Mittelmaß zu entfliehen. Ein Unbekannter sprayte den Schriftzug damals auf eine Wand im Stadtzentrum. Er wird bis heute regelmäßig entfernt und genauso regelmäßig wieder hingesprüht. Das Graffito genießt in Oulu heute Kultstatus, doch von Mittelmaß ist in der nördlichsten Großstadt Europas längst nichts mehr zu spüren.

Chor der schreienden Männer

Ob man sich da wirklich freuen soll oder doch eher fürchten? Die „Ode an die Freude“, die der „Mieskuoro Huutajat“ alias „Chor der schreienden Männer“ zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres anstimmt, klingt ungewohnt. In Wortgruppen zerhackt, in einen stampfenden Rhythmus gepackt – und vor allem: gebrüllt statt gesungen. Noch wilder hört sich das Wiegenlied an, das als Nächstes folgt. Und doch ist es schier unmöglich, sich nicht von der puren Energie anstecken zu lassen, die von den schreienden Männern ausgeht, die stets in schwarzen Anzügen und mit Krawatten aus alten Autoschläuchen in Erscheinung treten.

„Ich sehe es als Privileg, einmal pro Woche von meinen Leuten angeschrien zu werden“, erklärt Chorleiter Petri Sirviö, ein jung gebliebener Blondschopf Mitte sechzig, mit der für Oulu so typischen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Selbstironie. Wie er auf die Idee zum Schrei-Chor kam, weiß Sirviö heute nicht mehr. Im Jahr 1987 setzte der ehemalige Chorknabe und spätere Rock-Bassist den längere Zeit gereiften Plan auf gut Glück in die Tat um. Der improvisierte Anfang sei so „überraschend befriedigend“ gewesen, dass seither ununterbrochen einmal wöchentlich geprobt wird. „Wir hatten damals keine therapeutischen Hintergedanken, aber ich spüre, wie gesund es ist, seine Emotionen hinauszuschreien. Es fühlt sich gut an, es klingt gut und es tut sowohl den Schreienden als auch dem Publikum gut.“

Das Publikum der ersten Stunde waren die Einwohner Oulus, die der Mieskuoro Huutajat mit spontanen Schrei-Konzerten im öffentlichen Raum überraschte, mittlerweile ist der Chor international gefragt. Seine Wurzeln hat er nicht vergessen: „Wir haben schon Flashmobs gemacht, als es dieses Wort noch gar nicht gab“, erzählt Petri Sirviö. „Man kann diesen Chor überall auftreten lassen, im Wiener Konzerthaus oder im nächsten Supermarkt. Die Umgebung ist anders, aber wir bleiben dieselben.“

Die Probe aufs Exempel wird man im Oktober machen können, wenn die schreienden Männer ausgerechnet in der Oper „Carmen“ auftreten sollen, die das städtische Orchester Oulu Sinfonia unter der Leitung des britischen Dirigenten Rumon Gamba aufführen wird. Neben dem Chor steht dann Israel Galván, der wohl berühmteste Flamencotänzer der Gegenwart, auf der Bühne.

Alvar Aaltos Kultursilo

Die schreienden Finnen und der tänzelnde Andalusier mit Blume im Haar, knappen Shorts und hohen Absätzen kennen einander schon lang: Im Jahr 2023 küssten, nein, stampften und brüllten sie gemeinsam ein Gebäude aus dem Dornröschenschlaf, das jahrzehntelang unbeachtet am Rand der nunmehrigen Kulturhauptstadt vor sich hin bröckelte und eigentlich abgerissen werden sollte: Das heute Aaltosiilo genannte Silo einer aufgelassenen Papierfabrik, das der Vater der finnischen Architekturmoderne, Alvar Aalto, im Jahr 1931 entworfen hatte.

Die ungewöhnliche spanisch-finnische Performance in dem filigranen, kathedralenförmigen Betonbau geht genauso wie dessen Rettung auf die britische Architektin Charlotte Skene Catling zurück. Und das kam so: Mit ihrem Mann, dem Künstler Adam Lowe, arbeitete sie im Lockdown des Jahres 2020 in Sevilla und litt unter der Hitze Andalusiens, als sie auf einem Kleinanzeigenportal auf ein interessantes Inserat stieß. „Auf dieser lustigen kleinen Website, auf der normalerweise Autoreifen, Angelzubehör und Außenbordmotoren verkauft werden, wurde Alvar Aaltos erstes Industriegebäude angeboten, und der Preis dafür betrug 6000 Euro“, erzählt sie amüsiert.

„Um uns etwas abzukühlen, haben wir noch einmal 250 Euro draufgelegt, und jetzt stehen wir hier in Oulu mit diesem ziemlich aufwendigen Projekt.“ Seit der Initialzündung durch Israel Galván und die schreienden Männer verwandelt sich das Silo Schritt für Schritt in ein Kulturzentrum, das im März 2026 eröffnet wurde und das ganze Jahr über trotz laufenden Umbaus mit Performances, Filmvorführungen, Ausstellungen und Theaterstücken bespielt wird.

Gleichzeitig dient es als Versuchslabor für die Restaurierung vergleichbarer Objekte. „Dieses Gebäude wurde nicht für Menschen, sondern für einen industriellen Prozess entworfen“, erklärt Charlotte Skene Catling. „Es hat praktisch keine Fenster, ist unisoliert und hat nur zehn Zentimeter dicke Betonwände. Wenn wir dieses Gebäude für Menschen nutzbar machen können, dann kann man das mit jedem Gebäude.“ Eingeweiht wurde es so, wie traditionell in Finnland nun einmal Häuser eingeweiht werden: mit einer Sauna.

Sauna, what else?

„Sauna, das ist für uns so normal wie Zähneputzen“, erklärt Katri Tenetz, ihres Zeichens Saunaentwicklerin und für den entsprechenden Programmschwerpunkt des Kulturhauptstadtjahres verantwortlich. Und da die Sauna ein so selbstverständlicher Teil des finnischen Alltags ist, fühlt sich ein Saunabesuch in Finnland auch ganz anders an als in Mitteleuropa: kein verbissenes Schwitzen, bis man vom Saunameister mit einem gekonnt choreografierten Aufguss erlöst wird, kein konzentriertes Schweigen, keine bis zum Aufguss verschlossene Tür und auch keine zur Schau gestellten private parts. Man trägt außerhalb des Familienkreises Badekleidung, geht hinein und hinaus, wie und wann es einem passt, und man plaudert mit den Menschen, die man dort trifft.

Die Sauna ist ein Ort des ungezwungenen Zusammenseins, schließlich war das Schwitzbad seit jeher das Herz jedes finnischen Hauses, das als Erstes gebaut wurde und wo man zur gemeinsamen Körperpflege, aber auch zum Waschen von Wäsche zusammenkam. Die finnische Saunakultur ist unhierarchisch und unkompliziert, vor allem gibt es keinen ritualisierten Aufguss: Jede und jeder gießt dann Wasser auf die heißen Steine, wenn er oder sie eben Lust darauf hat.

Was dabei entsteht, hat dann freilich doch wieder etwas Mystisches: „Wir nennen den entstehenden Dampf Löyly. Es gibt dafür keine richtige Übersetzung“, so die Saunaexpertin. „Wenn Sie eine Sauna haben, können Sie alle schlechten Dinge in Ihrem Leben auf den Steinen und im Löyly loswerden. Und wenn Sie herauskommen, fühlen Sie sich wie neugeboren.“

Im Juni findet im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres ein Saunafestival am Oulu-Fluss statt, an dem zehn Saunas teilnehmen. Besucher sollen die Sauna als Ort der Begegnung und des Diskurses erleben und zum Gespräch angeregt werden. Der Name des Festivals: „Naked Truth“. Und auch die Huutajat-Männer kann man in der Sauna erleben, allerdings nicht schreiend, sondern heulend: „Weeping Men“ heißt eine Performance der Gruppe „CuntsCollective“ im September, bei der es um die Sauna als Ort der Transformation und der Wiedergeburt geht.

Das Glück und die Luftgitarre

Zwischen den beiden Events liegt der nordische Sommer, der einige Höhepunkte des Jahres bereithält. Etwa das „Delta Life“-Festival am letzten Augustwochenende, das Künstler verschiedener Disziplinen auf einer Bühne vereinen wird. Neben den unvermeidlichen schreienden Männern sind dort auch andere Bühnenstars mit dabei, für die Oulu berühmt ist, deren Kunst für sich genommen aber völlig stumm ist: Die Teilnehmer der jährlich stattfindenden Luftgitarren-Weltmeisterschaft, die eine ähnlich lange Tradition wie der Mieskuoro Huutajat hat und Oulu seit 1996 ein fröhlich-buntes Festival unter dem Motto „Make air, not war“ beschert.

Der Wettkampf der Virtuosen des imaginären Saiteninstruments ist eine Kuriosität, bei der sich künstlerischer Ehrgeiz und die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, die Waage halten. „Oberflächlich geht es natürlich um Spaß, wir wissen ja, dass wir lächerlich aussehen“, erklärt dazu Aapo Rautio. Der ruhige, intellektuell wirkende 26-Jährige mit gepflegtem Bärtchen, der seinen Lebensunterhalt als Barkeeper und Bühnenautor verdient, ist amtierender Weltmeister im Luftgitarre-Spielen. Er errang den Titel 2025 mit viel schwarzer Schminke im Gesicht, irrem Blick und wirr abstehenden Haaren unter dem Künstlernamen „The Angus“.

„Aber eigentlich geht es darum, dass hier eine internationale Gemeinschaft im Namen des Weltfriedens zusammenkommt und eben gemeinsam lächerlich aussieht.“ Die Luftgitarristen betrachten sich als große Familie, man headbangt, lacht, weint und feiert gemeinsam. Rund um die WM werden Workshops angeboten, bei denen Stars der Szene wie Aapo Rautio, der 2026 mit einem Gitarrensolo aus Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“ wieder um den Titel kämpfen wird, ihr Wissen weitergeben.

„Auf der Bühne bist du ganz allein und hast nicht einmal ein Instrument. Du musst den Raum mit dir selbst füllen, mit deiner Performance, deinen Bewegungen, deinem Gesichtsausdruck. Das kann ganz schön schwierig sein“, sagt Rautio. Das wichtigste Kriterium, nach dem die Teilnehmer beurteilt werden, lautet „Airness“: „Die Menschen müssen spüren, dass die Musik tatsächlich aus deinem Instrument kommt“ – gar nicht so leicht, wenn es sich dabei um eine Luftgitarre handelt.

Und bestimmt liegt es auch an solchen lustigen, aber mit großer Ernsthaftigkeit betriebenen Beschäftigungen, dass die Finnen bereits zum achten Mal in Folge zum glücklichsten Volk der Welt gewählt wurden.

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