Ariane – Liebe am Nachmittag

Rezension für Ö1/Ex libris vom 28. 02. 2021

„Liebe am Nachmittag“, das klingt ein wenig nach Lockdown-Roman. Doch weit gefehlt: Die erste Ausgabe von „Ariane, jeune fille russe“ – also in etwa „Ariane, ein russisches Mädchen“ – erschien im Jahr 1920. Der etwas irreführende deutsche Titel ist einer Verfilmung aus dem Jahr 1957 geschuldet, für die die Handlung stark verändert wurde und bei der Billy Wilder Regie führte. Die Hauptrolle spielte damals Audrey Hepburn, deren Porträt auch das Cover der soeben erschienenen deutschen Neuübersetzung ziert.

Man sollte sich aber weder von Hepburns tieftraurigen Augen noch vom kitschigen Titel oder gar vom in zarten Rosa-Tönen schimmernden Buchumschlag auf eine falsche Fährte locken lassen: Claude Anets Roman ist keineswegs die Schmonzette, an die die Aufmachung zunächst denken lässt. Der Roman dreht sich vielmehr um Themen, die heute – fast möchte man sagen, bestürzenderweise – um nichts weniger aktuell klingen als vor hundert Jahren: Es geht darin um sexuelle Selbstbestimmung, verlogene Moralvorstellungen, antiquierte Rollenbilder und die Gleichrangigkeit von Mann und Frau.

Hauptfigur der Geschichte ist Ariane, die mit vierzehn Jahren die Mutter verliert und von ihrer im Süden Russlands lebenden Tante Warwara aufgenommen wird. Diese, eine verführerische Frau in den besten Jahren, hat ihr Privatleben nach einem einfachen Grundsatz gestaltet: „Da die Natur den Verkehr zwischen den Geschlechtern mit Geheimnissen und lebhaften Freuden verknüpft hat, warum sollte man darauf verzichten? Ihr aufgeklärter akademischer Verstand sah keinen Grund dafür, solche gesunden Wonnen von sich zu weisen.“

Ariane wird von Warwara eher als junge Freundin und Vertraute denn als zu erziehende Nichte behandelt. Bald liegt der hübschen, überaus intelligenten und dank ihrer Tante in Fragen des Umgangs mit dem anderen Geschlecht äußerst lebensklugen Heranwachsenden die Männerwelt der Stadt zu Füßen. Ariane geht zum Studium nach Moskau, wo sie auf den Lebemann Konstantin trifft – den ersten ihr an Charisma, Intellekt und erotischer Attraktivität ebenbürtigen Mann. Er ist ihr an selbstbewusster Weltläufigkeit überlegen, sie kontert mit die Grenzen zum Zynismus überschreitender Ironie.

Nach kurzem Geplänkel vereinbaren die beiden, einen zeitlich begrenzten „Bund auf der Suche nach gemeinsamen Freuden“ einzugehen, der beiden größtmöglichen Genuss bescheren, dabei aber jede Art von Verliebtheit aussparen soll. Für derart niedrige Regungen fühlen sie sich beide zu aufgeklärt und abgebrüht, allein der Gedanke daran erscheint ihnen lächerlich.

Nicht zufällig erinnert der Roman, im Nachwort treffend als „intellektuell-erotische Versuchsanordnung“ charakterisiert, streckenweise an die libertinistische französische Literatur aus der Spätphase des Ancien Régime. Ein solches Ancien Régime wird schließlich auch hier porträtiert, und das von kundiger Hand: Der 1868 unter dem bürgerlichen Namen Jean Schopfer geborene Claude Anet, der als erster Franzose die nationale Tennismeisterschaft gewonnen hatte, ehe er sich Literatur und Journalismus zuwandte, sprach fließend russisch, lebte längere Zeit im Zarenreich und erlebte die Oktoberrevolution als Korrespondent der Zeitung Le Journal in Sankt Petersburg hautnah mit.

Seinen Roman, den er wenig später niederschrieb, lässt er vor dem Hintergrund eines stark idealisierten vorrevolutionären Russlands spielen. Dessen kosmopolitische Elite bewegt sich selbstverständlich zwischen Moskau, Kiew, Sankt Petersburg, London, Paris und New York, vergnügt sich abends im Theater und in eleganten Restaurants und deren Hinterzimmern und verbringt die Sommer einmal auf der Krim, dann wieder an der italienischen oder französischen Riviera. In diesem Russland, so der Erzähler, sei das Leben frei, „losgelöst von Konventionen und gleichgültig gegenüber dem Reden der Leute.“ Und doch liegt eine Revolution in der Luft – diese ist jedoch nicht bolschewistischer, sondern sexueller Natur. Eine Freundin Konstantins schildert die Stimmung so: „Haben Sie von den freien Liebesbeziehungen gehört, die fast überall in den Oberklassen der Mädchengymnasien entstanden sind, vor allem im Süden und im Kaukasus? […] Diese Mädchen – meistens sind sie ziemlich schlau – bilden sich ein, Russland müsse der Welt eine neue Ordnung verpassen und dafür zuallererst die festgefahrenen Ansichten in Frage stellen, die seit mehr als drei Jahrtausenden die Gesellschaften unterdrücken. Diese kleinen Nihilistinnen behaupten, die abwegigste und repressivste unter diesen Ansichten sei das Dogma der Jungfräulichkeit […]. Stattdessen sagen sie: ‚Wie der Mann hat auch die Frau das Recht, über ihren Körper zu bestimmen. Wenn es ihr gefällt, darf sie damit experimentieren. Sie darf ihn zu ihrem Genuss und Wohlbehagen benutzen. Es gibt keine Liebesmoral.“

Freilich klaffen auch in den aufgeklärt-libertinistischen Kreisen des Romans Theorie und Praxis weit auseinander. Ariane und Konstantin verlieren die Kontrolle über ihr mit vermeintlich kühlem Kopf vereinbartes Spiel, und insbesondere Konstantin, der sich in der Rolle des Verführers alten Schlags durchaus wohlfühlt, wird auf eine harte Probe gestellt.

Fröhlich frivol, mit leichter Hand an schwere Themen rührend und für seine hundert Jahre erstaunlich modern präsentiert sich der im deutschen Sprachraum weitgehend vergessene Roman in einer neuen, präzisen und ausgesprochen eleganten Übersetzung durch Kristian Wachinger. Ein wenig Wehmut vermeint man darin zumindest zwischen den Zeilen auch zu spüren: Der Roman, der in einer Phase des radikalen Umbruchs entstand, kann auch als schwärmerischer Nachruf auf eine Epoche gelesen werden, die zwar aus dem Nachhinein betrachtet ungemein verführerisch und lebensfroh wirkt , jedoch unwiederbringlich verloren ist. Und so gesehen passt das Buch dann doch wieder gar nicht so schlecht in unsere von ungewissen neuen und schmerzhaft vermissten alten Normalitäten geprägte Zeit.

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