Die Hölle, das sind die Männer

Meine Doppelbesprechung für den Falter-Bücherfrühling: Marion Messina und Inès Bayard.

 Wie ein frisch defloriertes Mädchen“ fühlt sich Aurélie nach ihrer ersten Jus-Vorlesung. Kompliment ist das freilich keines, denn: „sie konnte es nicht fassen, dass etwas so lange Erträumtes so fade, unnütz und endlos sein konnte.“ Man ahnt es schon: Enttäuschungen erlebt Aurélie nicht nur im Hörsaal. Sie ist in der Vorstadt von Grenoble aufgewachsen, der Vater Arbeiter, die Mutter Putzfrau. Aurélie ist intelligent und neugierig, die Matura ein Spaziergang, jetzt will sie Diplomatin werden, Journalistin, irgendetwas Internationales, Sinnvolles. Doch der Debütroman der Französin Marion Messina, in dem Aurélie die Hauptrolle spielt, heißt nicht umsonst „Fehlstart“: An der Uni geht es um Formalismen statt um Inhalte, die Mitstudenten sind langweilige Konformisten, die Partys öde. „Die jungen Männer saßen an den Tischen, waren ­unfähig zu tanzen und konnten nur stumm saufen, weil der Lärm sie daran hinderte, mit ihren Unglücksgefährten zu reden.“ Mit schnoddriger Schonungslosigkeit und Sinn für die sicher sitzende Pointe zeichnet die Erzählerin in „Fehlstart“ ein denkbar tristes Bild der Lebenswelt, die französische Schulabgänger erwartet.

 Auch außerhalb Frankreichs werden viele mitnicken: Dank Verschulung und Standardisierung ist auch im übrigen Europa alles, was sich nicht in Bewertungsraster pressen lässt, längst aus den Lehrplänen geflogen. Überzeugt, dass „ein großer Teil ihrer Jugendträume jetzt schon jeden Sinn verloren“ hat, flüchtet Aurélie in eine leidenschaftliche Beziehung mit Alejandro. Dieser gefällt sich in der Pose des exilierten lateinamerikanischen Intellektuellen, ist aber nur ein verwöhnter Fratz aus der Oberschicht von Bogotá, die es sich leisten kann, zum Studieren nach Europa zu gehen. Seine Devise: „Eine Frau lässt sich ersetzen, aber man lebt nur einmal“. Bald ist er weg und Aurélie setzt sich aus Verzweiflung in einen Zug nach Paris – ein denkbar hartes Pflaster für eine liebeskranke 19-Jährige aus der Provinz, die nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Schlecht für Aurélie, aber auch schlecht für den Roman. Heldin und Erzählerin haben „nicht die geringste Lust, Paris zu erobern“, und ergehen sich dort in banalem Gesudere über „internationale Ladenketten, groteske Musicals – immer dieselben seit zehn Jahren in allen westlichen Großstädten -, klassische Konzerte mit Warteschleifenmusik, Selfis (sic) an einst heiligen Stätten.“

 Besser als die Zivilisationskritik geht Messinas Erzählerin der Spott über die pornoverseuchte Männerwelt von der Hand. Schließlich ist mit so einem Durchschnittsexemplar nicht viel anzufangen, da es im Regelfall von „einer Kleinmädchenmöse fantasierte, die durch eine perverse Umkehr der Werte zum absoluten Symbol der vollendeten, wenn auch allein der Lust des Mannes dienenden Sexualität geworden war“. Schade, doch für den Glauben ans Liebesglück ist Aurélie in ihren Pariser Monaten ohnehin zu tough geworden: „Der durch die körperliche Liebe erhöhte Endorphinausstoß reichte nicht aus, damit sie die Metro ertrug.“ Unklar ist, ob es sich beim letzten Satz des Romans um ein Happy End handelt. Er lautet – Achtung, Spoiler! -: „Sie war zwanzig Jahre alt.“ 

 Derlei resignierte Abgebrühtheit ist Marie, der Hauptfigur in Inès Bayards Debüt „Scham“, völlig fremd. Aurélie nimmt den Zug zurück nach Grenoble, die gut zehn Jahre ältere Vermögensberaterin Marie radelt im coolen Pariser Osten zur Arbeit: „Während sie auf dem Boulevard du Temple in die Pedale tritt, wird ihr plötzlich bewusst, wie viel Glück sie doch hat, diese Frau zu sein. Sie liebt ihre Arbeit, lebt mit einem Mann zusammen, den sie vergöttert, ihr fehlt es an nichts, bald wird sie ihr erstes Kind bekommen.“ Marie hat gerade die Pille abgesetzt. Sich mit ihr auf die Babyzeit zu freuen ist jedoch keine Zeile lang möglich: Ihre Geschichte wird in einer langen Rückblende erzählt. Der Roman nimmt schon auf der ersten Seite sein Ende vorweg, an dem die junge Mutter ihr Kind, ihren Mann und sich selbst vergiftet. 

 Bereits nach wenigen Seiten ist es mit Maries Glück nämlich schon vorbei: Sie wird von ihrem Chef brutal vergewaltigt. Ihn anzuzeigen ist ihr unmöglich, würde ihre heile Welt doch vor aller Augen in Brüche gehen. Sie will weder in der Öffentlichkeit noch vor ihrem Mann Laurent als Opfer gesehen werden, als „die Frau, die vergewaltigt, die beim ersten Analsex von einem anderen Glied als seinem penetriert worden ist“. Peinigende Tage folgen dem Verbrechen, Sex mit dem arglosen Laurent fühlt sich an wie eine neuerliche Vergewaltigung, Gespräche mit den Freunden, die in die geplante Schwangerschaft eingeweiht sind und über nichts anderes mehr reden wollen, werden zur Qual. Doch noch glaubt Marie, dass sie in ihr altes Leben zurückfinden wird. 

 Sobald sie ihre Schwangerschaft bemerkt, wird auch diese Illusion zerstört: Marie ist davon überzeugt, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger gezeugt wurde, muss sich jetzt aber ausgiebig feiern lassen. Die Champagnerkorken ploppen, anzügliche Witzchen und Schwangerschafts-Schwänke machen die Runde im Familien- und Freundeskreis, Alben mit alten Babyfotos werden durchstöbert. Marie lächelt tapfer und hofft, dass ihre Muttermilch ungenießbar sein wird. Um ihr Geheimnis zu bewahren, kann sie keine Nähe mehr zulassen. Sie beginnt alle zu hassen, die nicht fähig sind zu erraten, was sie doch mit aller Kraft vor ihnen versteckt. Die Geburt verläuft traumatisch, beim Anblick des bläulichen, schleimbedeckten Babys mit dem geschwollenen Penis empfindet sie blanken Ekel. „Marie wird es nicht ertragen, Thomas aufwachsen zu sehen.“ 

 Präzise und sparsam erzählt, auf unerbittliche Weise elegant und leichtfüßig eilt die Geschichte dem bereits bekannten Ende entgegen, und doch kann man dieses Buch weder auf die Seite legen noch in einem Zug durchlesen. Neben mitleidlos ausgeleuchteten, kaum zu ertragenden Szenen, die das Leid der seelisch zerstörten Mutter und deren teilnahmslose Kälte gegenüber ihrem Baby zeigen, sind es quälende Fragen, die einen immer wieder absetzen lassen. Denn natürlich gibt es Momente, an denen der richtige Satz alles verändert hätte. Oder doch nicht? Wann ist es richtig nachzufragen, wann wird die Frage selbst zum Übergriff? Wie man es dreht und wendet: Natürlich ist Marie die Mörderin. Doch keine der beteiligten Figuren wird sich in Inès Bayards zutiefst verstörendem Roman am Ende schuldlos fühlen können – nicht einmal der Leser.

Georg Renöckl in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 22)

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