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Erinnerung eines Mädchens

Meine Ö1-Rezension zu Annie Ernaux‘ autobiographischer Erzählung Erinnerung eines Mädchens: 

 

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Rezension auf Ö1/Ex libris – das Bücherradio vom 9. 12. 2018

Es ist nicht unbedingt ein Kinderspiel, sich an traumatische Momente in der eigenen Biographie zu erinnern. Dennoch vergleicht die französische Autorin Annie Ernaux die Arbeit an ihrem jüngsten autobiographischen Buch Erinnerung eines Mädchens mit einem solchen Spiel, „Ochs am Berg“ heißt es: Ein Kind steht an einem Ende des Spielfelds und kehrt der Gruppe am anderen Ende den Rücken zu. Während es laut den Spruch „Ochs am Berg“ aufsagt, laufen die übrigen in seine Richtung. Dreht sich das Kind danach blitzschnell um, müssen alle wie versteinert in ihrer Position stehenbleiben. Wer sich bewegt, geht zurück an den Start.

Ähnlich wie bei diesem Spiel geht es Annie Ernaux, wenn sie ihre Erlebnisse im Sommer des Jahres 1958 Revue passieren lässt, als sie achtzehn wurde und erste sexuelle Erfahrungen machte. In ihrem Gedächtnis sind die Ereignisse von damals in Form unbewegter Bilder gespeichert, anhand derer sie die Chronologie dieses einschneidenden Sommers rekonstruiert. Auch ihr früheres Ich sieht sie dabei als Bild, als „dieses Mädchen auf dem Foto“. Konsequent schreibt sie ihre autobiographische Erzählung daher in der dritten Person. „Das Mädchen auf dem Foto bin nicht ich, aber sie ist auch keine Fiktion“, heißt es zu Beginn des Textes. „Wenn die Realität das ist, was wirkt, was Wirkungen erzeugt, wie es im Wörterbuch heißt, dann ist dieses Mädchen zwar nicht ich, aber sie ist in mir real.“

Ernaux bezeichnet sich als Ethnologin ihrer selbst und ist in Frankreich für ihren nüchternen, soziologischen Blick auf die eigene Biographie bekannt, der stets auch die sozialen Hintergründe ihres Handelns mitbedenkt. So geht es auch in ihrem jüngsten Buch nicht oder nicht nur um ein persönliches Trauma, sondern vielmehr darum, das „Verhalten dieses Mädchens, Annie D, zu erfassen und zu verstehen, ihr Glück und ihr Leid in die Regeln und Vorstellungen der Fünfzigerjahre einzuordnen, in eine Normalität, die für alle selbstverständlich war“.

Annie Ernaux erzählt die Geschichte eines überbehüteten Mädchens, das kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag zum ersten Mal einen Sommer ohne seine Eltern verbringt. Sie arbeitet als Kinderbetreuerin in einer Ferienkolonie und verliebt sich sofort in einen der anderen Betreuer, der sie bei ihrer ersten Party nach einem Tanz und einem Kuss gleich mit aufs Zimmer nimmt. Dort ist sie ihm sprichwörtlich wehrlos ausgeliefert, und das aus zwei Gründen: Zum einen kann sie auf keinerlei Erfahrungen im Umgang mit dem anderen Geschlecht zurückgreifen, zum anderen wird sie von ihrem eigenen, bis dahin noch nie erlebten Begehren überrumpelt. Eine Nacht lang dient sie dem Mann als willenloses Sexspielzeug, auch wenn sie rein physiologisch Jungfrau bleibt. Die Idee, sich seinen Wünschen zu verwehren, kommt ihr nicht. „Seit er sie zum Tanzen aufgefordert hat, hat sie alles getan, was er von ihr verlangt hat. Zwischen dem, was ihr passiert, und dem, was sie tut, gibt es keinen Unterschied“, schreibt die Erzählerin. „Sie unterwirft sich nicht ihm, sondern einem universellen Gesetz, dem Gesetz der wilden Männlichkeit, dem sie früher oder später begegnen musste. Und wenn dieses Gesetz brutal und dreckig ist, dann ist das eben so.“ Brutal und dreckig ist nicht nur der Missbrauch, sondern sind auch seine Folgen: Ihr vermeintlicher Geliebter will bereits am nächsten Tag nichts mehr von ihr wissen und demütigt Annie vor der Clique, zu der sie gehören will. Verstört lässt sie daraufhin alles mit sich geschehen und gilt von nun an als Freiwild. Minutiös schildert Annie Ernaux die wiederholten Erniedrigungen durch die Gruppe, aber auch die tiefe innere Veränderung einer jungen Frau, die die Ferienkolonie „in der unerschrockenen Gewissheit ihrer Intelligenz, ihrer Stärke“ betreten hat. „Ihr Verlangen nach ihm, danach, dass er ihren Körper beherrscht, entfremdet sie von jedem Gefühl der Würde“, schreibt sie nun. Nach der ersten Erschütterung steckt sie die Zurückweisung durch den Angebeteten scheinbar stoisch weg, genauso wie die vielen Gemeinheiten durch ihre vermeintlichen neuen Freunde, für die sie doch nur eine „kleine Nutte“ ist. Berauscht von der neuen Freiheit ist sie wild entschlossen, diese so gründlich wie möglich auszukosten.

Doch Missbrauch und Mobbing haben Spätfolgen, von denen der zweite Teil des Buches handelt. Im Herbst geht Annie an ein Lycée, um Lehrerin zu werden. Dort bekommt sie zum einen die unsichtbaren Grenzen zu spüren, an die sie in der Gesellschaft aufgrund ihrer kleinbürgerlichen Herkunft unweigerlich stößt, lernt aber vor allem durch den Philosophieunterricht auch, ihr eigenes Verhalten moralisch zu bewerten und sich dafür zu schämen. „Diese Scham ist anders als die Scham, die Tochter von kleinen Ladenbesitzern zu sein. Jetzt schämt sie sich dafür, ein Objekt der Begierde und stolz darauf gewesen zu sein. Dafür, dass sie geglaubt hat, sich in der Kolonie Freiheit erkämpft zu haben. […] Für das Gelächter und die Verachtung der anderen. Es ist eine weibliche Scham.“ Annie erkrankt an Bulimie. Auch von diesem Leidensweg und der schwierigen Rückverwandlung der „kleinen Nutte“ in eine selbstbewusste Frau erzählt Annie Ernaux in ihrem Buch.

„Erinnerung eines Mädchens“ ist ein beklemmendes Protokoll von sexuellem Missbrauch und ein scharfsinniger Bericht über die auf vielen Ebenen wirksame Unterdrückung durch Scham, der eine junge Frau in den Jahren vor 1968 ausgesetzt war. Nicht zuletzt ist dieses Buch, dessen Autorin immer wieder auf die Schwierigkeiten des Erinnerns und des Schreibens eingeht, aber auch ein eindrucksvoller Text über die Kraft des Erzählens:

„Aber wozu schreibt man, wenn nicht dazu, Dinge hervorzuholen, und sei es nur ein einziges Ding, das sich allen psychologischen und soziologischen Erklärungsversuchen widersetzt, das sich weder aus einer vorgefassten Meinung noch aus einer Schlussfolgerung ergibt, sondern aus der Erzählung, etwas, das aus den aufgeschlagenen Falten der Erzählung zum Vorschein kommt und helfen kann zu verstehen – und zu ertragen –, was passiert und was man tut.“

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Erinnerungen an den allerletzten Krieg

Hundert Jahre und ein paar Tage liegt der Waffenstillstand von Compiègne zurück – für die „Presse“ habe ich die Lichtung von Rethondes und einige weitere nordfranzösische Erinnerungsorte bereist:

11. November 1918: Der Krieg endet – die Erde vergisst nicht

In einem Eisenbahnwaggon bei Compiègne wird der Waffenstillstand unterzeichnet. Heute erinnert eine Gedenkstätte daran, was davor geschah – aus europäischer Perspektive. Ein Lokalaugenschein.
Von Georg Renöckl

10.11.2018 um 10:53


„Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht.“ – „Très bien.“ Mit diesen Worten, gesprochen in einem Eisenbahnwaggon auf einer einsamen Waldlichtung, endete am 11. November 1918 der Krieg an der Westfront. Matthias Erzberger, Staatssekretär des Deutschen Reiches, das gerade den Kaiser davongejagt hatte, und Ferdinand Foch, der Oberkommandierende der alliierten Truppen, schraubten die Füllfedern zu und ließen ihre Unterschriften unter der Waffenstillstandsurkunde trocknen. Einem Mitglied der deutschen Delegation liefen Tränen über die Wangen, schreibt Daniel Schönpflug in seinem Buch „Kometenjahre“ über den historischen Moment, der sich in der Nähe des Dorfes Rethondes bei Compiègne zutrug. Ginge es nach dem Volksmund, wäre damit der „allerletzte der Kriege“ vorbei gewesen: In Frankreich nannte man ihn „La dernière des dernières“, abgekürzt „La der des ders“. Knapp 22 Jahre später mussten die Vertreter Frankreichs auf demselben Tisch eine demütigende Waffenstillstandsurkunde unterschreiben, unter Hitlers persönlicher Aufsicht. Die Nazis nahmen den Waggon mit nach Berlin. Er verbrannte bei der Befreiung
Deutschlands durch die Alliierten.

Bereits 1948 sah in Rethondes wieder alles aus wie zuvor: Auf Betreiben des Bürgermeisters von Compiègne waren die 1922 auf der Lichtung aufgestellten, ebenfalls nach Deutschland gebrachten Denkmäler nach Rethondes zurückgeholt, der Waggon von 1918 rekonstruiert und eine Gedenkstätte errichtet worden. Die gibt es noch heute; anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Waffenstillstandes wurde sie neu konzipiert. Zusätzlich zum originalgetreu eingerichteten Waggon und den alten Guckkästen mit den dreidimensionalen Bildern der Kriegsschauplätze gibt es nun eine Ausstellung, in der die Hintergründe und Auswirkungen der beiden
Waffenstillstände in drei Sprachen erklärt werden.

Soldatenfriedhöfe reihen sich aneinander

Fährt man das Gebiet der Schlachtfelder ab, wird nicht nur die Verbitterung verständlich, die den französischen Verfassern der Waffenstillstandsurkunde die Hand führte, sondern auch die Leistung bewusst, die hinter der gelungenen Versöhnung steht. Die Westfront verlief in unmittelbarer Nähe von Rethondes. Auf Schritt und Tritt stolpert man über Soldatenfriedhöfe, die Steinfassaden zahlreicher Gebäude sind übersät von Einschusslöchern. Etwa die von Rodin so geliebte Kathedrale von Noyon, keine 20 Kilometer nördlich der Waffenstillstandslichtung. In ihrem Vorgängerbau wurde Karl, der spätere Große, zum König der Franken gekrönt.


Schlimmer als Noyon hatte die nahezu völlig zerstörte Merowinger-Hauptstadt Soissons unter dem Krieg zu leiden. Sie liegt zu nahe am Chemin des Dames, einem Höhenzug, an dem der französische General Nivelle im Frühjahr 1917 die deutschen Linien durchbrechen wollte. Es war der falsche Ort zur falschen Zeit: Die Deutschen hatten sich gerade auf eine „Siegfriedlinie“ genannte Kette von gut zu verteidigenden Stellungen zurückgezogen und diese zu Festungen ausgebaut. So auch die Hügel des Chemin des Dames. 300.000 Menschen starben bei den Kämpfen um die Anhöhe. Der Weg dorthin führte durch verbrannte Erde: „Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verseucht, jeder Flusslauf abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet, jede Schiene abgeschraubt, jeder Telefondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, wir verwandelten das Land, das den vordringenden Gegner erwartete, in eine Wüstenei“, schreibt Ernst Jünger in seinen „Stahlgewittern“. Ein Symbol für die Zerstörungswut, die in Frankreich als weiterer Beweis für die „deutsche Barbarei“ gewertet wurde, ist bis heute die Burg von Coucy. Baron Enguerrand III. ließ sie im 13. Jahrhundert zur mächtigsten Festungsanlage Europas ausbauen. Mit einem Durchmesser von 31 und einer Höhe von 54 Metern übertraf sein Bergfried den des Louvre bei Weitem. Die imposante Ruine der von Sonnenkönig Ludwig XIV. unbrauchbar gemachten Burg wurde im Lauf der Zeit ein beliebtes Ausflugsziel, das auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1915 besuchte.

Die deutsche Armee vernichtete bei ihrem „Alberichplan“ genannten Rückzug unschätzbare Kulturgüter und vertrieb über 100.000 Bewohner der betroffenen Region. Das Département Aisne erreichte erst in den 1970er Jahren wieder die Einwohnerzahl des Jahres 1914. Statt lebendiger Dörfer wuchsen im Département die Totenstädte. Als müssten sie bis in alle Ewigkeit ihre Uniform tragen, liegen Hunderttausende in Reih und Glied in den nationalen französischen Nekropolen. „Mort pour la France“ steht auf jedem Grab, „Für Frankreich gestorben“. Die Angehörigen der Toten wollten wenigstens die Knochen ihrer Söhne und Väter vom Vaterland zurückhaben, doch erst als illegale Exhumierungen überhandnahmen, erlaubte die Republik die Überführung der sterblichen Überreste in private Gräber. Die Gebeine von 230.000 toten Soldaten wurden ab 1920 von ihren Familien abgeholt.

Landschaften, gezeichnet vom Großen Krieg

Nicht nur Städte und Dörfer, auch die Landschaften Nordfrankreichs sind vom Großen Krieg gezeichnet. 60 Kilometer nördlich von Rethondes, in der Nähe des Dorfes La Boisselle, öffnet sich ein riesiger Trichter inmitten der Felder. Eine Explosion von nie dagewesener Stärke gab dort am 1. Juli 1916 das Startsignal für die Somme-Offensive der Alliierten. Walisische Pioniere hatten in monatelanger geräuschloser Arbeit einen Tunnel bis unter die vordersten deutschen Stellungen getrieben. 28 Tonnen Sprengstoff schleuderten das Erdreich 1300 Meter hoch in den Himmel.


Mehr als die zahllosen steinernen Monumente, an denen man hier unweigerlich vorbeikommt, sind es diese vom Krieg geformten Landstriche, die dem Besucher eine leise Ahnung von den Ereignissen vor 100 Jahren vermitteln. Etwa beim südafrikanischen Memorial des Delville-Waldes beim Ort Longueval, von den Soldaten in „Devil-Wood“ umgetauft. 3200 Südafrikaner mussten dort im Juli 1916 fünf Tage unter schwerem Artilleriefeuer ausharren. Danach waren über 1000 von ihnen tot, 1700 verwundet. An der pathetischen
Gedenkstätte mit ihrem makellosen Rasen, der schnurgerade angepflanzten Allee und dem von einem Bronzewagen gekrönten Tempel geht man am besten vorbei. Gleich dahinter steht ein verwitterter alter Baum, umgeben von einem Zaun, behängt mit Gedenkmedaillen: Es soll sich um den einzigen Baum handeln, der noch aufrecht stand, als die Überlebenden den „Wald“ räumen durften.
Wieder ein Stück weiter nördlich, im Dorf Neuville-Saint-Vaast bei Arras, befindet sich Frankreichs größter deutscher Soldatenfriedhof. 44.833 Menschen liegen dort. „Den hier fürs Vaterland gefallenen Kameraden“ ist auf einem Gedenkstein zu lesen. Selten klingt die Phrase hohler. Angemessener wäre ein Zitat aus dem Roman „Friedensgericht“ des österreichisch-ungarischen Autors Andreas Latzko: „Es sind Menschen schon gestorben für ihren Glauben, für ihre Freiheit, oder aus gemeiner Beutegier. Aber ohne Anteil am Gewinn, gegen den eigenen Glauben, gegen die eigene Freiheit, so wie wir? Noch nie!“

Auch 100 Jahre nach dem Weltkrieg werden noch neue Denkmäler eingeweiht. Etwa am Rand der nahen Nekropole von Notre-Dame-de-Lorette, einer 165 Meter hohen Kuppe, für deren Besitz 188.000 Soldaten starben. Ein Betonring von über 300 Metern Umfang liegt seit vier Jahren neben dem Soldatenfriedhof und ragt teilweise über den Abhang hinaus. Metalltafeln mit den alphabetisch geordneten Namen von 580.000 auf den Schlachtfeldern Nordfrankreichs Getöteten sind an der Innenseite des Ringes angebracht, den man, die Namen lesend, umrunden kann. Es ist das schönste und würdevollste aller Weltkriegsdenkmäler: Kein tieferer Sinn
oder höherer Zweck ihres Sterbens wird den Toten im Nachhinein aufgezwungen, kein Vaterland beschworen, kein Dienstgrad, keine Religion und keine Nationalität verstellen die Sicht auf den Menschen. Name für Name ist in die Tafeln graviert, ohne Unterscheidung. Gleiche Namen werden so oft wiederholt, wie Menschen dieses Namens in den Kämpfen umgekommen sind. So geht man vorbei an den Metalltafeln voller Smiths und Schmidts, Taylors und Schneiders, Bruckners und Duponts.
Nicht auslassen sollte man auf dem Weg dorthin noch ein unscheinbares kleines Mahnmal: Es sieht aus wie ein simples Münzfernrohr, ist aber eine fix installierte Virtual-Reality-Brille namens Timescope, die zur Zeitreise einlädt: Neuville-Saint-Vaast war einer der Orte, an denen es zu spontanen Verbrüderungen zwischen den Kriegsgegnern kam. „Franzosen und Deutsche sahen einander an, sahen, dass sie genau die gleichen Menschen waren. Sie lächelten einander zu, man wechselte ein paar Worte. Hände wurden ausgestreckt und gedrückt, man teilte Tabak, Saft und Wein“, erinnert sich der französische Korporal Louis Barthas in seinen in Frankreich viel gelesenen Kriegstagebüchern. Er äußerte den Wunsch, dass man eines Tages nicht nur an die Schlachten und an die Toten erinnern möge, sondern auch an die Verbrüderung, die von gezieltem französischem Artilleriefeuer beendet wurde. Nach 100 Jahren war man endlich so weit.

 

Im Flow der Somme

Aus der „Presse“:

Im Flow der Somme

Die Gegend ist viel besser als ihr Ruf als Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs: Eine Reise an die Somme, von der Quelle durch teilweise bukolisch anmutende Landschaft bis zum Ärmelkanal.

Ein Höllenschlund, der einen dunklen Strom von Blut, Schweiß und Tränen in die verwüstete Landschaft speit – ginge es nach den Bildern im Kopf, die das Wort „Somme“ bei vielen auslöst, würde so ihre Quelle aussehen. Der Fluss wurde zum Synonym für eines der sinnlosesten Gemetzel des Ersten Weltkriegs. Eine halbe Million Soldaten starben dort in den Sommermonaten 1916, und als sie alle tot waren, hatte sich am Frontverlauf so gut wie nichts geändert. Doch die Natur schert sich nicht um die Bilder in unseren Köpfen. Vielmehr umgibt eine wahre Bilderbuchlandschaft die von einem Steinbecken gefasste Quelle im Weiler Fonsomme, etwa 15 Kilometer von der Kantonshauptstadt Saint-Quentin entfernt: Alte Kopfweiden, sattgrüne Wiesen, behäbige Gehöfte – und mittendrin die Somme, die schon an ihrem Ursprung das macht, was sie am besten kann: gemächlich vor sich hin mäandern.

Mit gemütlichen vier Kilometern pro Stunde schlängelt sich der Fluss durch die bukolische Landschaft, im idealen Gehtempo, und vielleicht löst das diese Lust aus, am Wasser entlang einfach draufloszuwandern. Aus gutem Grund wurde der Weitwanderweg GR 800 angelegt, der die Quelle der Somme mit ihrer Mündung in den Ärmelkanal verbindet – gut 150 Kilometer Luftlinie, doch die vielen Biegungen des Flusses verlängern die Strecke von hier bis Saint-Valéry-sur-Somme auf 227 Kilometer, gut zu bewältigen in zehn Tagesetappen.

Kleine Art-déco-Metropole

Egal, ob man zu Fuß unterwegs ist oder nach einem gemütlichen Bummel an der Quelle wieder ins Auto steigt: In Saint-Quentin flussabwärts sollte man unbedingt eine längere Pause einlegen. Nicht nur wegen des Marais de l’Isle, einer von der Somme geformten Erholungslandschaft voller Auwälder, stiller Nebenarme und belebter Familienstrände, sondern vor allem wegen der Stadt selbst. 1918 bestand sie vor allem aus rauchenden Trümmern. Die Deutschen hatten sie zum Teil der Hindenburg-Linie gemacht und konnten nur durch schweren Artilleriebeschuss aus ihren unterirdischen Bunkeranlagen vertrieben werden. Die stolze Basilika war eine Ruine, in der Altstadt standen nur noch vereinzelte Häuser. Dank der Reparationszahlungen, zu denen Deutschland verdonnert wurde, erstand Saint-Quentin als bildhübsche kleine Art-déco-Metropole aus den Trümmern.

Keinesfalls verpassen sollte man hier das ehemalige Bahnhofsrestaurant Buffet de la gare, ein Juwel aus unzähligen Mosaiksteinen, das allerdings nur für Führungen geöffnet wird. Wer lieber frei herumspaziert, halte sich an stilisierte Rosen an den Fassaden und stilisierte Obstkörbe an den eisernen Balkongeländern – fertig ist der Art-déco-Spaziergang durch das freundliche Städtchen, dessen großzügiger Hauptplatz mit seinem erhaltenen gotischen Rathaus und den teilweise rekonstruierten Bürgerhäusern von einer reichen Vergangenheit zeugt. Erhaben ist die Basilika, die dank eines lothringerkreuzförmigen Grundrisses zwei Querschiffe hat. In einem davon ist die Hand des heiligen Quintinus ausgestellt. Den Pilgerströmen, die diese auslöste, verdankt die Stadt ihren Reichtum – auch wenn längst bewiesen ist, dass die Hand nicht von dem im dritten Jahrhundert hingerichteten Märtyrer stammen kann.

Geheiltes Idyll, alte Wunden

Eine Hand verbinden literarisch Interessierte auch mit dem „Montagne de Frise“, gute vierzig Kilometer flussabwärts. Dieser „Berg“ ist eine Geländekante mit herrlichem Ausblick über den Fluss, der tief unten seine Mäander in die Landschaft schmiegt. Er wird von zu Teichen gewordenen ehemaligen Torfgruben gesäumt. Das Geschrei unzähliger Wasservögel erfüllt die Luft, die Teiche dienen Jägern und Fischern als Revier. Ein lohnender Spazierweg führt vom Aussichtsberg hinunter ins kleine Dorf Frise. Schafe und Wildkaninchen halten den „Montagne“ frei vom Buschwerk und machen ihn zu einer nach Blumen duftenden Almlandschaft.

Vor hundert Jahren war die aussichtsreiche Anhöhe nicht aus touristischen, sondern aus strategischen Gründen heiß umkämpft. Die so hübsch anzusehenden vielen kleinen Hügel und Kuhlen sind nichts anderes als überwachsene Granattrichter. Der Schweizer Schriftsteller und Abenteurer Blaise Cendrars beschreibt in seiner autobiografischen Erzählung „Die rote Lilie“ („La main coupée“) die Wochen, in denen er als Fremdenlegionär seine französische Wahlheimat in den Sümpfen rund um Frise verteidigte, wobei er die rechte Hand verlor.

Mehr über die schaurige Geschichte der idyllischen Landschaft erfährt man im nahen Péronne, wo in einer im Weltkrieg fast völlig zerstörten mittelalterlichen Burganlage ein informatives Weltkriegsmuseum untergebracht ist. Will man sich lieber der Kulinarik als der Historie widmen, ist Saint-Christ-Briost der richtige Ort: Dort bekommt man die einst als Arme-Leute-Essen verachteten, heute aber geschätzten Räucheraale der Haute-Somme zu kaufen, in einem kleinen Fischrestaurant gibt es auf Vorbestellung Matelote d’anguilles – in Rotwein gedünsteten Aal. Oder man angelt gleich selbst: Sieben Euro kostet die Tageskarte, Angelschein ist keiner notwendig.

Am anderen Ende der Schlachtfelder von einst liegt das Städtchen Corbie, ein guter Ausgangspunkt für eine Fahrt über das friedliche Land voller Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten – zu den eindrücklichsten zählt der zu Beginn der britischen Offensive in die Landschaft gesprengte Lochnagar-Krater. Vor allem beginnt in Corbie aber auch die Véloroute de la Somme, ein schön angelegter, 120 Kilometer langer Radweg zum Ärmelkanal.

Ein Höhepunkt der Gotik

Als erste Etappe bietet sich Amiens an, die alte Hauptstadt der in der neuen Großregion Hauts-de-France aufgegangenen Picardie. Der geschichtsträchtigen Stadt nähert man sich am besten vom Wasser aus: Schon die Gallier bauten auf den vielen kleinen Inseln des hier weitverzweigten Flusses Gemüse an, die Tradition hat sich bis heute erhalten. Per Boot können die „Hortillonages“, wie das dreihundert Hektar große Garten-Venedig heißt, besichtigt werden.

Die Form der typischen Boote mit ihren flachen Schnäbeln, die heute vor allem für Besichtigungstouren genützt werden, erklärt sich aus ihrer ursprünglichen Verwendung als Gemüsetransporter: Über die abgeflachte, breite Spitze konnten die Boote bequem be- und entladen werden. Was heute noch sinnvoll ist: Es gibt kaum Brücken, die einzelne Inseln verbinden. Werkzeuge, Baumaterialien und natürlich die Ernte werden nach wie vor per Boot transportiert. Vom Wasser aus eröffnen sich schöne Blicke auf die hoch oben thronende Kathedrale von Amiens, deren gewaltiges, mehr als 42 Meter hohes Kirchenschiff den sprichwörtlichen Höhepunkt der französischen Gotik bildet – den Drang nach oben spürt man bei ihrer Besichtigung förmlich in der Kopfhaut prickeln.

In Saint-Leu, dem ehemaligen Färberviertel zwischen den „Hortillonages“ und der Kathedrale reiht sich heute ein Restaurant ans andere. Das eigentliche Zentrum der im Zweiten Weltkrieg schwer bombardierten Stadt wurde recht lieblos wieder aufgebaut – mit Ausnahme des heute noch großartigen Wolkenkratzers von Auguste Perret, der lange Zeit der höchste Europas war.

Kopfweiden, Torfteiche, Schwemmland

Ailly, wenige Kilometer flussabwärts gelegen, ist eine weitere Etappe an der Véloroute. Wer nicht die ganze Strecke bis zur Küste abfahren, sich aber für ein paar Kilometer in den Sattel schwingen möchte, kann sich im alten Schleusenhaus ein Fahrrad ausborgen – auch E-Bikes sind dabei – und quer durch eine Landschaft, die mit ihren Kopfweiden an Michael Endes „Land des Traumfresserchens“ erinnert, bis ins 25 Kilometer entfernte hübsche Long radeln. Dort weitet sich die Somme wieder und bildet mit den vielen Torfteichen eine fantastische Wasserlandschaft, die man am besten vom Belvedere de la Somme aus genießt, einem der schönsten Picknickplätze weit und breit.

In früheren Jahrhunderten hätte man mit dem nahen Abbeville bereits das Meer erreicht, doch die Küste wurde im Lauf der Zeit vom Material, das die Somme mit sich führt, immer weiter in Richtung Westen geschoben. Die im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörte Stadt mit ihrer flamboyant-gotischen Kollegialkirche Saint-Vulfran liegt inmitten dieses Schwemmlands; man spürt, dass das Meer nicht weit ist. Nach 25 Kilometern erreicht man die Somme-Bucht, eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft. Auf den Prés Salés – Weiden, die einen Teil des Jahres vom Meer überflutet sind – grasen rund 5000 Schafe und Lämmer, deren Fleisch unter einer eigenen Appellation d’origine controlée (AOC) vermarktet wird.

Im Süden der Bucht liegt die noble kleine Stadt Saint-Valéry, gegenüber das entspanntere Le Crotoy. Fantastische Blicke über die weite Bucht und Meeresfrüchte in Hülle und Fülle gibt es da wie dort. Sportliche Reisende gehen auf direktem Weg von einem Ort zum anderen: Bei Ebbe kann man Wanderungen über den Meeresgrund unternehmen, am besten barfuß oder mit Aqua-Schuhen, bei denen man auf Sichtweite an die beiden in der Bucht lebenden Robbenkolonien herankommt.

Wildgemüse vom Meeresgrund

Le Hourdel heißt der äußerste Punkt der Somme-Bucht, an dem die Reise endet – wer Lust auf selbst geerntetes Wildgemüse vom Meeresgrund hat, trifft sich hier mit einem Mitglied der Association des pêcheurs à pied de la Baie de Somme und wandert sodann mit hüfthohen Gummistiefeln, Kübel und Messer ausgestattet in Richtung der einmal sandigen, einmal schlammigen Salicornes-Felder. Das salzig-saftige Grünzeug hat aber auch längst den Weg auf die Speisekarten der Restaurants an der Küste gefunden. Wer auf einen gleichermaßen dramatischen wie nachdenklichen Schlusspunkt der Reise Wert legt, wandert am Strand weiter bis zu einem deutschen Weltkriegsbunker, den die Gezeiten aus seiner Verankerung gerissen und wie ein Mahnmal schräg in den Sand gerammt haben.

Und wer noch Zeit hat, nimmt sein Rad und fährt die eben eröffnete Route blanche von Le Hourdel aus immer am Meer entlang nach Cayeux, den für seine Kiesel und seinen langen hölzernen Laufsteg bekannten Badeort mit dem etwas verblichenen Charme. Ach ja, baden – das kann man hier natürlich auch.

Somme-Bucht

Frankreich: at.france.fr/de

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.09.2018)

Dominique Manotti: Die dunkle Seite der Macht

Mein Porträt der derzeit spannendsten französischen noir-Autorin in der Wiener Zeitung:

Die dunkle Seite der Macht

Von Georg Renöckl

  • Dominique Manotti, die Grande Dame des französischen „Roman noir“, inszeniert die Übernahme des Konzerns Alstom durch General Electric als packenden Krimi.
Widerstand mit literarischen Mitteln: Dominique Manotti.

Widerstand mit literarischen Mitteln: Dominique Manotti.© Thomas Dorn/laif/picturedesk.com

„Ich höre schon die Seufzer: Wirtschaft? Zu kompliziert für mich. Falsch. Die Wirtschaft ist ganz leicht zu verstehen. Sie funktioniert wie ein Computerspiel. Ich werde Ihnen das beweisen.“ So kündigt Dominique Manotti ihren neuen Roman „Kesseltreiben“ auf ihrer Homepage an.

Ein kurzer Videoclip in Form eines Ego-Shootersbeginnt: Ein Krieger mit einem riesigen Schwert läuft über ein Spielfeld namens „freier Markt“. Sein Ziel ist es, eine gegnerische Firma zu übernehmen. Er muss dafür nur ein paar Regeln beherzigen. Etwa rechtzeitig Leute rekrutieren, die genau wissen, wie die Gegenseite funktioniert. Zweitens: Hindernisse ohne jede Rücksicht aus dem Weg räumen. Drittens: Dann angreifen, wenn der Gegner gerade mit anderen Problemen beschäftigt ist, etwa einer allgemeinen Wirtschaftskrise. Viertens: Joker im richtigen Moment ausspielen. Ein von der amerikanischen Justiz ausgestellter Haftbefehl ist ein solcher. Wer alles richtig macht, bekommt am Ende das Unternehmen.

Im Jahr 2014 wurde der französische Energie-Konzern Alstom vom US-Giganten General Electric übernommen. Dominique Manotti schildert die Vorgeschichte der Übernahme in Form eines düsteren Roman noir: Da astronomische Summen auf dem Spiel stehen, gibt es keinerlei Hemmungen. Wer den Deal stört, wird eliminiert. Jeder ist erpressbar, alle Schläge sind erlaubt. Das französische Unternehmen, im Roman „Orstam“ genannt, hat mächtige Gegner: CIA, NSA, das US-Handelsministerium und die amerikanische Justiz arbeiten eng zusammen.
Ob da nicht die Fantasie mit der Autorin durchgegangen ist? „Die Stellen, die im Roman am unwahrscheinlichsten wirken mögen, sind authentische Fakten“, betont Manotti. Das Wort der Doyenne des französischen Roman noir hat Gewicht: Die kleine, charmante, zerbrechlich wirkende alte Dame mit dem verschmitzten Lächeln mag zwar aussehen wie ein personifiziertes Miss-Marple-Klischee, war jedoch unter ihrem „richtigen“ Namen Marie-Noëlle ThibaultUniversitätsdozentin für Wirtschaftsgeschichte.

Ein Trauma machte sie zur Autorin: Als François Mitterrand 1981 die Präsidentschaftswahlen für sich entschied, glaubte die engagierte Intellektuelle, die neben ihrer Lehrtätigkeit an der Uni Spitzenfunktionärin der Pariser CFDT-Gewerkschaft war, die Linke habe gewonnen. Als unter der neuen Regierung jedoch statt der Revolution die Epoche der Yuppies ausbrach, fiel Thibault in ein tiefes Loch. Angewidert schmiss sie ihre Tätigkeit bei der Gewerkschaft hin. „Es waren schwierige Jahre“, meint sie dazu heute lapidar.

Als sie sich etwas später für ihren Uni-Job in die Soziologie von Los Angeles einlas, empfahl ihr ein Buchhändler James Elroys „L. A. Confidential“. Die Lektüre sollte ihr Paulus-Erlebnis werden: Hingerissen von der Kraft des Textes beschloss sie, ihren Kampf mit literarischen Mitteln wieder aufzunehmen. „Ich habe zu erzählen begonnen, um nicht alles zu verlieren“, erklärt sie ihre Wiedergeburt als Noir-Autorin Dominique Manotti.

In ihrem 1995 erschienenen Debüt „Sombre Sentier“ (dt. Titel „Hartes Pflaster“) setzte die damals 50-Jährige dem Aufbegehren der illegal in der Pariser Textilbranche beschäftigten Türken ein literarisches Denkmal in Form eines lupenreinen Roman noir von einer Härte, Rasanz und Dichte, die ihresgleichen suchen.

Drei weitere Romane – „Zügellos“, „Abpfiff“ und „Roter Glamour“ – widmete sie den Mitterrand-Jahren, die darin als eine von Korruption, Drogen- und Waffenschmuggel geprägte Ära des zu schnell und zu leicht verdienten Geldes erscheinen. Politik, Justiz und Exekutive sind korrumpiert, der Kampf um Recht und Wahrheit ist ein Anrennen gegen Windmühlen. Happy End gibt es naturgemäß keines: Belastende Zeugen werden immer wieder gerade noch rechtzeitig aus dem Weg geräumt, Prozesse von höchster Stelle im letzten Moment verhindert, Ermittler kurz vor der endgültigen Lösung von ihren Fällen abgezogen. Wenn etwas im gut geschmierten Machtgefüge reibungslos funktioniert, dann ist es der blinde Gehorsam gegenüber den Ranghöheren.

Einfluss der Noir-Filme

Inmitten der illusions- und schonungslosen Düsternis der Romane Manottis blitzen neben Entladungen geballter, heftig-deftiger Sinnlichkeit gelegentlich auch utopische Momente auf, oder zumindest kurze, süße Augenblicke der Rache: Ein machtgeiler Präsidentschaftskandidat blamiert sich in noblen Hinterzimmern durch frühzeitige Ejakulationen, während seine Frau eine Affäre mit dem von ihm gedemütigten Kommissar beginnt. Einer jungen Araberin aus der Banlieuegelingt der Aufstieg innerhalb der Geheimdienst-Hierarchie („Einschlägig bekannt“, 2010).

Der vielfach erniedrigte Vertreter der Türken in Manottis Debüt geht letztendlich erhobenen Hauptes vom Platz, wie später auch die zunächst wegrationalisierten Arbeiter im Roman „Letzte Schicht“ (2006), der die Privatisierung der Thomson-Werke zum Thema hat. „Erzählen heißt Widerstand leisten“, lautet die Devise, die Manotti einem ihrer Romane voranstellt.

Der Stil dieses Erzählens ist von Manottis Leidenschaft für amerikanische Noir-Filme der 40er und 50er Jahre geformt, deren Dichte und Tempo sie faszinieren. Sie zu erreichen ist Knochenarbeit: Bevor sich die Autorin Manotti an den Schreibtisch setzt, recherchiert die Historikerin Thibault monatelang in Bibliotheken und Archiven.

Wie präzise zurechtgeschliffene, schwarz funkelnde Diamanten leuchten ihre Texte schließlich die dunkle Seite der Macht in Frankreich aus: Etwa die unter Nicolas Sarkozy durchgeführte Geheimdienstreform, durch die in Zeiten der wachsenden Terrorgefahr systematisch arabischsprachige Offiziere aus den Diensten entfernt wurden („Die ehrenwerte Gesellschaft“, 2011), das Ende der als „French connection“ berüchtigten Drogenmafia von Marseille („Schwarzes Gold“, 2015), oder die Kollaboration während der NS-Besatzung von Paris („Das schwarze Korps“, 2004).

Mit den Neoliberalen von heute hat Manotti wieder ihre Lieblingsgegner aus den achtziger Jahren vor sich. Als wären die Yuppies nie ausgestorben, stauen sich in Steuerparadiesen wie den Cayman Islands Maseratis, Ferraris und Rolls-Royce auf den wenigen befestigten Straßen. Protzige Villen am Meer werden nur wenige Tage im Jahr bewohnt, etwa wenn eine Gruppe Banker per Privatjet einfällt und sich bei Jetski, Segeltörns und Hochseeangeln vergnügt, Kokain und Prostituierte selbstverständlich stets inbegriffen.

Manotti läuft bei der Schilderung der Exzesse der machtbesessenen Wirtschaftselite zur Höchstform auf. Drogen und Sex sind seit jeher die Währung und der Treibstoff der Jet-Set-Welt. Gnadenlos schickt die Erzählerin die seelisch leergebrannten Manager zu den Transvestiten im Bois de Boulogne oder in verschwiegene Pariser Clubs, wo sie ihre Allmachts-Fantasien am lebenden Objekt durchexerzieren – wie Nicolas Barrot, ein karrieregeiler Hohlkopf, der dort die Lust entdeckt, „in einem Lebewesen abzuspritzen, das nichts Menschliches hat außer dem Geschlecht, dieses Gefühl grenzenloser Macht, weil der andere nur existiert durch diesen Moment und in diesem Moment, in dem er besessen, vernichtet wird“.

Ohnmacht der Polizei

Nora Ghozali, die Ermittlerin aus „Einschlägig bekannt“, ist im geheimdienstinternen Krieg auf der Verliererseite gelandet und muss jetzt Wirtschaftsfälle bearbeiten. Sie kommt dem vor grausamen Morden nicht zurückschreckenden Netzwerk der Orstam-Konkurrenten gefährlich nahe. Manottis altbewährter, mittlerweile pensionierter Ermittler Théo Daquin dämpft als graue Eminenz die Erwartungen der Polizistin an die Politik: Kein Politiker oder hoher Beamter stelle sich heute noch Konzerninteressen in den Weg, vielmehr „behalten sie die Karriereplanung fest im Auge, den möglichen Wechsel zu multinationalen Unternehmen und die persönlichen Gewinne, die sich daraus ziehen lassen. In ihrem Spiel kommen wir nicht vor, Sie so wenig wie ich, wir haben darin keinen Platz.“

Eine Devise Wilhelms von Oranien, die einer ihrer Mitarbeiter zitiert, hält die Truppe um Nora Ghozali vorerst dennoch aufrecht: „Es ist weder nötig zu hoffen, um etwas zu unternehmen, noch erfolgreich zu sein, um durchzuhalten.“ Der Satz enthält den Kern von Dominique Manottis Erzählen und ist das Maximum an Trost, das ihre Romane bieten. Immerhin.

 

Abschied von den Super Märkten

Abschied von den Super Märkten

Fast ein Jahr nach Ulli Simas „Merkblatt“ sind viele Wiener Marktstandler vom Warten auf die neue Marktordnung zermürbt – wenn sie nicht überhaupt aufhören. Ein Stimmungsbild

GEORG RENÖCKL | STADTLEBEN | aus FALTER 20/18 vom 15.05.2018

 

Mit enttäuschten Gesichtern hatten sie gerechnet. Die Woge von Trauer, Wut und Verzweiflung, die über sie hereinbrach, traf Gerhard Zoubek und Elmar Fischer-Neuburger dann aber doch unerwartet. Zu Jahresbeginn verkündeten der Gründer des Adamah-Biohofs und sein Schwiegersohn den Stammkunden, die trotz der Aussicht auf noch mehr Rüben, Kohl und Kartoffeln ihrem Markt auch im Jänner die Treue hielten, dass sie aufhören werden. Da wurde es emotional. „Das könnt ihr nicht machen!“, schimpften manche Kunden lautstark. Eine alte Dame, die jeden Samstag am Adamah-Stand ihren Einkaufstrolley füllte, jammerte: „Aber weiter als bis hierher kann ich doch nicht mehr gehen!“ Eine Kundin holte ihre Gitarre und sang zur Melodie des STS-Klassikers vom Großvater: „Adamah, kannst du net dobleibm mit dei’m Super-Sortiment …“ Die meisten waren einfach traurig, wie die zwei Biobauern, denen beim Schildern des Abschieds auch heute noch die Stimme zittert. 20 Jahre lang betrieb der Biohof Adamah seine Stände auf Wiens Wochenmärkten, dazu kamen ein fester Stand auf dem Vorgartenmarkt und zwei im Alleingang bespielte Wochenmärkte im 9. Bezirk. Die traurige Bilanz: „Wir haben einfach zu viel Geld auf den Märkten gelassen.“ Die mit dem Wetter schwankende Kundenfrequenz, der hohe Wareneinsatz, die Konkurrenz der Supermärkte und zuletzt die Registrierkassenpflicht – es ist sich einfach nicht mehr ausgegangen. Wer die beiden samstäglichen Biomärkte auf dem Sobieski- oder dem Servitenplatz einmal besucht hat, wird die Emotion verstehen: Mit den Märkten ist der Gegend auch ein riesiges Stück Lebensqualität verlorengegangen.

Nüchterner sieht man die Angelegenheit beim Wiener Marktamt: „Dafür können wir nichts“, lautet der lapidare Kommentar von Marktamts-Sprecher Alexander Hengl. So richtig zuständig fühlt er sich auch nicht: Die meisten der Wochen- oder Bauernmärkte, die mittlerweile zahlreiche Wiener Grätzel beleben, wurden von Bezirken, der Gebietsbetreuung oder von Vereinen ins Leben gerufen. In der Wiener Marktordnung, die auf 79 Seiten von der Standvergabe bis zur Abfallentsorgung penibel regelt, wie Märkte zu funktionieren haben, werden sie nicht erwähnt. Auch auf dem Online-Auftritt der Stadt Wien erfährt man nichts von den Wochen- und Bauernmärkten abseits der offiziellen Marktgebiete.

Während die einen also ignoriert werden, fühlen sich die anderen schikaniert: Zehn Monate ist es her, dass die für Märkte zuständige rote Stadträtin Ulli Sima ein Merkblatt an Wiens Marktstandler ausgeschickt hat. Darin teilte sie ihnen mit, dass die bisher gestatteten „Nebenrechte“ ab Juli 2017 bei Neuvergaben von Ständen gestrichen werden. Diese erlaubten es, an bis zu acht sogenannten Verabreichungsplätzen Speisen und Getränke anzubieten. Die Märkte der Stadt würden dadurch jedoch zu „Fressmeilen“ verkommen, so die Stadträtin, die offenbar Gefahr in Verzug sah: Obwohl die Marktordnung ohnehin gerade überarbeitet werden sollte, griff sie zur umstrittenen Sofortmaßnahme.

Der Schuss aus der Hüfte traf die Falschen: nämlich Menschen wie Dietmar Püringer, der die Eröffnung seiner Weinviertlerie am Schwendermarkt im Sommer 2017 von langer Hand geplant hatte. Sein Businessplan war hieb- und stichfest. Maximal hundert Kilometer sollten die Produkte der Weinviertler Kleinbauern, die er verkaufen wollte, gereist sein. Ein Konzept, das nicht nur ins immer angesagter werdende Reindorfgassen-Viertel passt, sondern dem kleinen Markt in Rudolfsheim-Fünfhaus auch endlich den bitter benötigten Obst- und Gemüsestand bringen sollte. 40 Prozent des Umsatzes würde er durch die Nebenrechte erzielen, hatte Püringer mit einem erfahrenen Unternehmensberater berechnet. Als er vom Merkblatt erfuhr, meldete er sich sofort beim Marktamt. Da er seinen Plan schon zuvor eingereicht hatte, durfte er die acht Verabreichungsplätze beibehalten. Ob er das Projekt sonst auch umgesetzt hätte? „Wahrscheinlich nicht.“

 

Püringer hatte Glück, andere waren später dran. Wie viele Unternehmensgründungen durch das Merkblatt verhindert wurden, ist schwer abzuschätzen. Ins Mark getroffen fühlen sich aber auch diejenigen, die in den letzten Jahren abgewetzte Marktstände auf angeblich hoffnungs- und zukunftslos vor sich hin dämmernden Märkten weitab vom Naschmarkt übernommen und renoviert haben. „Dass man auch auf einen Espresso bleiben und ein bisschen plaudern kann, das ist die Seele des Marktgeschäfts“, erklärt Anna Putz. Seit 2014 verkauft sie als „Anna am Meidlingermarkt“ ausgewählte Feinkost aus Österreich und Frankreich. „Für mich sind die Nebenrechte vom Umsatz her gar nicht zwingend nötig, aber sie bringen Leben in den Stand. Auf einem Markt suchen die Kunden ja den persönlichen Kontakt.“ Irgendwann im Gespräch mit Anna fällt ein Satz, den so gut wie jeder Marktstandler einmal sagt: „Ich mache das hier ja nicht, um reich zu werden.“

 

Gerade die in den letzten Jahren langsam wieder aufblühenden kleinen Märkte profitieren vom Idealismus derjenigen, die neben Produkten abseits des Mainstreams auch frischen Wind in die Grätzel bringen. Simas Merkblatt macht sie ärmer: Der Wert ihrer oft mit hohem Aufwand renovierten Marktstände hat sich dramatisch verringert. Jemanden zu finden, der Ablöse für einen Stand zahlt, in dem er nicht nur selbst kein Geschäft mit Speisen und Getränken machen darf, sondern die vorhandene Infrastruktur auch noch rückbauen muss, ist kaum möglich. Haben Unternehmer, die jetzt auf ihren Investitionen sitzen bleiben, also einfach Pech gehabt? „Derzeit ja“, bestätigt Alexander Hengl, kein Mann der vielen, dafür der prägnanten Worte.

Wo gerade noch positive Energie zu greifen war, herrschen seit dem letzten Sommer Unsicherheit und Ärger. Der Volkertmarkt, vor kurzem noch im Aufwind, siecht nun einem sich immer deutlicher abzeichnenden Ende entgegen. Auf dem frisch sanierten Vorgartenmarkt sperren einige der neu eröffneten Stände schon wieder zu, und selbst auf dem Meidlinger Markt, dem Paradebeispiel für das Wiener Märkte-Wunder der letzten Jahre, ist die Laune im Keller. „Wir hören alle auf“, lautet die düstere Zukunftsprognose von Alexander Fitz, der aus einem alten Marktstand das Craft-Beer-Kompetenzzentrum Malefitz gemacht hat. Er will sich juristisch gegen das Verbot der Nebenrechte wehren. Dass eine neue Marktordnung wie angekündigt bald kommen wird, glaubt er nicht, denn: „Es gibt keine Vision.“

 

Wie eine solche aussehen könnte, führt nur etwa einen Kilometer weiter nördlich ausgerechnet der seit gefühltem Menschengedenken ums Überleben kämpfende Schwendermarkt vor. Die Geschwister Nina und Benedikt Strasser haben dort im Herbst 2016 in einem leerstehenden Marktlokal das „Landkind“ gegründet, eine Mischung aus Marktcafé und Biogreißler. Auch Ninas Lebensgefährte Stefan Rom arbeitet mittlerweile für das Landkind, gemeinsam verfolgen die drei Jungunternehmer ehrgeizige Pläne: „Wir wollen das Bild des Marktes in den Köpfen verändern.“ So fluteten bei ihrem „Balkongartenmarkt“ im April hunderte Kunden den kleinen Markt am Rand der äußeren Mariahilferstraße.

Die Bauern und Gärtnereien, die Jungpflanzen und Saatgut zum Verkauf anboten, hatten nicht an den Ansturm geglaubt und mussten mehrmals für Nachschub sorgen. Und es soll weitergehen: Demnächst wird es einen Bauernmarkt mit Sommerkino geben, „Herbstrauschen“ zur Sturmzeit, im Dezember einen „Adschwend“-Markt. „Wer zufällig eine Veranstaltung besucht und sieht, dass es da noch mehr gibt, kommt vielleicht wieder.“ Was es dafür braucht? Die Möglichkeit, auf ein Glas zu bleiben und zu plaudern natürlich. Gegen das Sima-Merkblatt ging das dynamische Trio mit einigen Mitstreitern daher auf die Barrikaden: Man veranstaltete ein „Fressmeilen-Frühstück“ auf dem Rathausplatz und lud Ulli Sima ein, sich im gemütlichen Rahmen die Sorgen der Standler erklären zu lassen. Sie kam nicht.

 

Auch das Marktamt gibt sich angesichts allzu forscher Vorschläge der Marktstandler eher zugeknöpft. „Würden wir so viel falsch machen, kämen nicht ständig Delegationen aus dem Ausland zu uns, die sich anschauen, warum die Wiener Märkte so gut funktionieren“, so Marktamtssprecher Hengl. Und: „Wenn die Straßenverkehrsordnung überarbeitet wird, macht man vorher auch keine Umfrage bei den Autofahrern.“

Dabei bekäme das Marktamt bei einer solchen Umfrage durchaus Erfreuliches zu hören: Viele wünschen sich nämlich nicht weniger, sondern mehr Marktamt. „Es braucht viel mehr Ansprechpartner für uns“, ist Anna Putz überzeugt. Die Marktreferenten sind derzeit für so viele Märkte zuständig, dass der kontinuierliche persönliche Kontakt nur schwer aufrechtzuerhalten ist. Dieser könnte dann auch gleich auf eine neue Basis gestellt werden: „Marktstandler und Marktservice sollten gemeinsam daran arbeiten, dass die Märkte florieren und wieder soziale Knotenpunkte der Stadt werden“, meint Stefan Rom. „Das sieht die derzeitige Marktordnung aber nicht vor. Man müsste das Marktamt neu denken.“ Noch stehe vor allem das Kontrollieren und Strafen im Vordergrund, ein Dialog auf Augenhöhe sei kaum möglich.

 

„Wenn einer von denen reinkommt, weiß ich, dass es Stress gibt“, lautet noch so ein Satz, der in vielen Gesprächen fällt. Eine Fliese an der Wand hat einen Sprung? Muss sofort repariert werden, und zwar unter Strafandrohung mitten im auf Hochtouren laufenden Weihnachtsgeschäft. Die Ware ist um Punkt sieben Uhr noch nicht mit Preisschildern versehen, weil der Verkäufer noch beim Aufbauen des Standes ist? Strafe. Der Mindestabstand zum Nachbarn ist um ganze zehn Zentimeter unterschritten? Der Stand muss sofort ab- und weiter weg neu aufgebaut werden, und das bei Hochbetrieb am Samstagvormittag. Sonst: Strafe. Eine Lesung war bis 21 Uhr genehmigt, und um zehn nach neun sind noch Menschen im Marktlokal? Strafe. Die drei Tische auf dem gemieteten Platz vor dem Marktstand stehen nicht in einer Linie? Die Gäste müssen aufstehen und die Tische schnurgerade ausrichten. Sonst: Strafe. Immerhin nicht für die Gäste.

 

„Wer neu auf dem Markt ist, wird erst einmal sekkiert“, erzählt auch der Weinviertler Biobauer Franz Binder, der auf drei Wiener Wochenmärkten sein Obst und Gemüse verkauft. „So vergrätzt man viele gute Standler.“ Auch bei ihm selbst habe es Monate gebraucht, bis ihn die Marktaufseher seine Arbeit in Ruhe machen ließen. Vor seinen Ständen mit den oft spektakulär aussehenden Gemüsesorten – „Schmecken müssen die Fisolen, ob sie lila sind oder nicht, ist mir egal“ – stehen die Kunden stets Schlange, doch von der Stadt Wien fühlt er sich weniger geschätzt. 2002 wurden unter der damals zuständigen Stadträtin Renate Brauner auf einigen Märkten Bio-Ecken eingerichtet. Heute, 16 Jahre und zwei Stadträtinnen später, ist das Bio-Eck am Naschmarkt noch genauso klein wie damals – trotz des anhaltenden Booms der Biobranche. „Die Beamten machen ihren Job“, meint Binder, aber mehr eben nicht. Er sieht die Politik gefordert, die sich für die Bauernmärkte und für mehr Bio auf Wiens Märkten einsetzen müsste.

Ob sie das auch will? Der aktuelle Werbespot für die Wiener Märkte zeigt eine andere Vision:

Man sieht ein älteres Paar, das blendend gelaunt bei Weißwein und Muscheln sitzt. Dazu spricht eine Stimme aus dem Off den etwas rätselhaften Satz: „Du willst essen wie in Rom, damit du mit all deinen Sinnen genießen kannst.“ Zum Text „Deine Weltoffenheit. Dein Leben. Wie in Wien.“ gehen die beiden Arm in Arm zwischen den Marktständen davon, ohne diese eines Blickes zu würdigen. Einkaufskorb haben sie keinen dabei.

Erstaunlich, dass eine Stadt, die ihre Märkte wieder mehr zu Nahversorgern machen will, sie ausgerechnet so inszeniert: nämlich als Fressmeile.

Die Zukunft der Schönheit

Meine Besprechung von F. C. Delius autobiographischer Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“ für Ö1/Ex libris:

Musik und Literatur, vor allem Musik in der Literatur, das kann leicht schiefgehen. „Beschriebene Musik ist wie ein erzähltes Mittagessen“, soll Franz Grillparzer einmal gesagt haben.

Tatsächlich haben oft auch gute Erzähler ihre liebe Not, wenn es um die Beschreibung von Musik geht. Ist ein Musikstück dem Erzähler besonders wichtig, dann liest sich das schnell einmal gestelzt oder pathetisch, sodass sich angesichts allerlei angestrengter Vergleiche und bedeutungsschwerer Adjektive so gar nicht dieses Gefühl einstellen will, von dem da gerade die Rede ist. Musik trifft uns viel unmittelbarer als Literatur, sie dringt ungehindert in unseres Innerstes vor und berührt uns auf eine Weise, wie das der Sprache, die immer den Umweg über den Intellekt nehmen muss, nur ganz selten gelingt.

Das Problem kennt auch der Autor Friedrich Christian Delius. Anlässlich eines Konzerts des Tenorsaxophonisten Albert Ayler, das er im zarten Alter von 23 Jahren besuchte, schreibt er: „Was sollte man auch sagen über diese Töne, die schreckten und entzückten, störten und verwunderten, wie konnten solche minütlich wechselnden Gegensätze, wie konnte Musik überhaupt in stimmige Sprache gebracht werden, es war unmöglich, es war mir jedenfalls unmöglich.“ Trotz seiner anfänglichen Verstörung bleibt der junge Dichter im Konzert sitzen, und nicht nur das: Zweiundfünfzig Jahre später, also heuer, veröffentlicht Delius mit „Die Zukunft der Schönheit“ eine autobiographische Erzählung von immerhin gut neunzig Seiten, in der er genau dieses Konzert von der ersten bis zur letzten Nummer beschreibt.

Hat der in der Zwischenzeit unter anderem mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Friedrich Christian Delius also so viel dazugelernt, dass das Problem, Musik in stimmige Sprache zu bringen, für ihn nicht mehr besteht? Gut möglich. Zumindest die Überforderung seines jüngeren Ichs schildert der heute 75-jährige Autor angesichts des avantgardistischen Spektakels recht anschaulich: „Das Saxophon ließ Töne hören, die noch nie zuvor aus einem Saxophon herausgestoßen worden waren, so schien es mir, der keine Ahnung hatte, der noch nicht einmal einen Plattenspieler besaß, aber abends und nachts beim schreibenden Arbeiten sich von Klassik oder Jazz aus dem Radio begleiten ließ und nun den zahmeren John Coltrane verglich mit dem zehn Meter nahen Albert Ayler mit seinen schneidend hohen, explosiven, fauchenden, jubelnden, flehenden Tönen – “

Vor allem aber bleibt es dann doch nicht bei der Beschreibung der Musik. Bald erkennt der Dichter erleichtert, dass er nicht beim Jazzabend einer psychiatrischen Anstalt gelandet ist, sondern die Musik schlicht ihre Zeit widerspiegelt. „Die Winde wechseln, hatte der ermordete Präsident gesagt, die Töne wechseln, schien Albert Ayler seinen Zuhörern zu sagen, die Töne brechen auf, die Zeiten auch.“ Der Präsident, von dem gerade die Rede war, ist John F. Kennedy. Zwischen der von Delius durchaus stimmig in Sprache gebrachten Musik Albert Aylers und den Reflexionen und Assoziationen des zuhörenden Dichters entspinnt sich ein Zwiegespräch, das Delius von der Gegenwart des Vietnamkriegs immer tiefer in die Vergangenheit führt. Er erinnert sich an sein eigenes Aufwachsen in einer deutschen Kleinstadt voller Honoratioren mit Nazivergangenheit, den Tanzkurs mit den „Massenmördertöchtern“, den tagtäglichen Kampf um die Sprache, den er als stotternder Knabe führen musste, eingeschüchtert vom eines Tages plötzlich aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Vater. In der Mitte des Buches taucht ein Bild auf, das der junge Delius für den Rest des Konzerts nicht mehr loswerden wird: Der groteske Anblick des wütenden Vaters im Schlafanzug, der seinen Kopfpolster nach dem sonst immer so folgsamen Sohn wirft, als dieser ein einziges Mal zu spät von einer Feier nach Hause kommt.

„Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, auch deshalb – oder, weil Übertreibung gefragt ist, nur deshalb, – ein Schriftsteller geworden zu sein, weil diese Leerstelle aus der Nacht meines siebzehnten Geburtstags immer wieder mit Worten gefüllt werden musste“, schreibt der Erzähler. Wie so viele andere Väter wurde auch Delius senior zum Wegweiser wider Willen, indem er in seinem Sohn vor allem den Widerspruchsgeist weckte.

Es bleibt in dieser Nacht voll nie gehörter Töne nicht beim Aufspüren alter Verletzungen. Das Gefühl, „einen größeren Sprung getan zu haben, wohin auch immer“ steigt im jungen Delius auf, der sich mit dem toten Vater aussöhnt und über die Kunst nachzudenken beginnt, angeregt von einer Musik, die mit jeder Tradition bricht. Dieses „Zerfetzen von Klischees und Erwartungen“, begreift Delius als notwendige Voraussetzung für das Schaffen von Neuem. „Erst ein kräftiges Nein und dann ein tief durchgeatmetes Ja, erst nach dem Niederreißen konnte die Zukunft beginnen, Licht, Luft, Wahrhaftigkeit, die Zukunft der Schönheit.“

Nun ist der Kampf der Neuerer gegen die Etablierten wohl so alt wie die Kunst selbst, auch wenn der Begriff der Avantgarde mittlerweile etwas an Strahlkraft eingebüßt hat. Muss man das Alte zerstören, um es zu überwinden, oder sind wir doch nur Zwerge auf den Schultern von Riesen, wie ein anderes Erklärungsmodell den Fortschritt der Kultur beschreibt?

Für Delius ist der Freejazz-Abend in Slugs‘ Saloon jedenfalls ein „Ritus der Initiation“, der sein weiteres künstlerisches Schaffen nachhaltig prägen wird, auch wenn er – und das kann man durchaus als Widerspruch in sich sehen – den Abend und seinen Gedankenstrom in souverän eleganten Sätzen schildert und dabei laufend Camus, Goethe und viele andere zitiert.

Und so entlässt er den Leser nach neunzig leichtfüßigen und tiefschürfenden, scheinbar frei dahinimprovisierten und doch genau durchkomponierten Seiten mit vielen offenen Fragen, die es wert sind, weitergedacht zu werden. Selbst die vorangegangenen Versuche, das an diesem Abend Gehörte nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu begreifen, relativiert der Erzähler gegen Ende: „Was hieß da verstehen, bei etwas Geheimnisvollem wie Klang, wie Spielkunst, wie Kunst, was sollte da der kleingeistige Trotz des Verstehenwollens. Man musste sich tragen lassen, weiter nichts [… ].“

Cloud statt Kant

CLOUD STATT KANT?

In Österreich ist die Schule 4.0 angelaufen. Was versteckt sich hinter der Seriennummer?

ANALYSE: GEORG RENÖCKL | STADTLEBEN | aus FALTER 15/18 vom 11.04.2018

Illustration: Bianca Tschaikner

 

 

 

 

 

 

 

4.0“ steht für die angekündigte vierte industrielle Revolution. Vernetzte autonome Systeme stellen ebenso vernetzte Produkte her, die ständig Daten liefern. Das Produkt wird dadurch laufend verbessert, die Effizienz gesteigert, die Wertschöpfungskette optimiert. Einheitliche Standards und Normen sorgen für eine reibungslose Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Daten sind das neue schwarze Gold.

Das Konzept, mit dem Österreichs Schüler auf die digitale neue Welt vorbereitet werden sollen, heißt „Schule 4.0“. Der in den USA lehrende Germanist Fritz Breithaupt stellt sich diese in der Zeit so vor: „2036 werden Eltern schon für ihre fünf Jahre alten Kinder einen virtuellen Lehrer abonnieren. Die Stimme des Computers wird uns durchs Leben begleiten. Vom Kindergarten über Schule und Universität bis zur beruflichen Weiterbildung. Der Computer erkennt, was ein Schüler schon kann, wo er Nachholbedarf hat, wie er zum Lernen gekitzelt wird.“ Was für Breithaupt „der größte Fortschritt in der Bildung seit 250 Jahren“ ist, klingt für andere eher nach George Orwells „1984“.

Sind wir mit der „Schule 4.0“ also auf dem Weg in eine Welt, wie sie Isaac Asimov schon 1954 in seiner Kurzgeschichte „The fun they had“ beschrieben hat? Darin müssen die Kinder der Zukunft freudlosen Einzelunterricht durch „mechanische Lehrer“ über sich ergehen lassen und können kaum fassen, wie toll die Kindheit früher einmal gewesen sein muss, als es tatsächlich noch so etwas wie menschliche Lehrer und vor allem Mitschüler gab. Die Realität der „Schule 4.0“ in Österreich sieht anders aus, vor allem um einiges menschlicher. Zum Beispiel in der Ganztagsvolksschule Dopschstraße, die zu Österreichs Vorzeigeschulen in Sachen „e-education“ zählt. Vor 20 Jahren schrieb Junglehrer Harry Axmann seine Abschlussarbeit über „Das Medium Computer in der Volksschule“, seither setzt er das theoretisch Erarbeitete in der Schule direkt bei der Großfeldsiedlung in die Praxis um. War er einst noch froh über jeden „zusammengeschnorrten Computer“, führt er heute stolz durch ein Schulgebäude, in dem es nicht nur Computerräume für die Freizeitgestaltung gibt, sondern neben zwei Computern auch einen Beamer und ein interaktives Smartboard in jedem Klassenzimmer. „Nur so kommt das Internet wirklich in den Unterricht“, meint Axmann. Recherchen würden sichtbar gemacht, vernetztes Arbeiten sei viel leichter möglich. Was ganz schön anspruchsvoll klingt, sieht in der Praxis zum Beispiel so aus: Zum Üben der Malreihen des kleinen Einmaleins spielt die 2B heute „Mäuserennen“.

 Die Klassenlehrerin hat einen Satz schuleigener Tablets mitgebracht, die Kinder registrieren sich mit dem Vornamen, auf dem Smartboard wird neben jedem Namen eine Maus sichtbar. Sobald die Lehrerin das Spiel startet, bekommt jedes Kind Rechenaufgaben auf sein Display, pro richtiger Antwort rückt die Maus auf dem Smartboard ein Stück vor – „die Kinder lieben nun einmal den spielerischen Wettkampf“. Anschließend werden die Tablets wieder eingesammelt, weitergerechnet wird im Buch. Außerdem: „Wer hat heute Kehrdienst?“ Die 2B ist eine ganz normale Klasse, in der gebastelte Osternester aus buntem Papier von der Decke baumeln. In der Pause spielen die Kinder Tischtennis. Sie lernen wie alle anderen auch lesen, schreiben und rechnen und verwenden dabei manchmal Heft und Füllfeder, manchmal Tablet und Touchscreen.

„Es geht dabei immer um einen Mehrwert“, erklärt Harry Axmann. Neue Apps oder Programme mit den Kindern auszuprobieren dürfe nicht zum Selbstzweck werden: „Wir nützen die digitalen Medien nur dann, wenn das auch etwas bringt.“ Die Arbeit damit gehe nicht auf Kosten des „normalen“ Schreibens, Turnens oder Bastelns, sie sei ein Werkzeug neben anderen. Auf den Zeugnissen der Kinder ist ausgewiesen, dass sie eine „digital kompetente Klasse“ besucht haben. Diese „digitale Kompetenz“ hat für Assman drei Ebenen. Zur praktischen Anwendung von Software kommt das Verständnis für die Technologie dahinter sowie eine soziokulturelle Perspektive: „Wie wirkt das alles auf mich, wie auf die Gesellschaft?“ Man spricht bei diesen drei Ebenen oder Eckpunkten digitaler Bildung – in Anlehnung an den Ort im Saarland, in dem sie formuliert wurden – auch vom „Dagstuhl-Dreieck“.

Ähnliche Überlegungen dürften dem österreichischen „Schule 4.0“-Konzept zugrunde liegen, das die digitale Grundbildung ab kommendem Schuljahr zunächst für AHS-Unterstufen und NMS einführt, in einem späteren Schritt dann auch an den Volksschulen. Auch dabei geht es nicht um bloßes Anwenderwissen oder darum, möglichst viel Unterrichtszeit im Internet zu verbringen. Ziel ist vielmehr die Mündigkeit der Kinder: Sie sollen den Rechner bedienen, aber auch gestaltend damit umgehen sowie die eigene Medienbiografie kritisch reflektieren lernen. „International vorbildlich“ und „sensationell“ findet dieses Konzept Christian Swertz, der an der Uni Wien Medienpädagogik lehrt. Der vom Reformtempo des österreichischen Bildungssystems beeindruckte Wissenschaftler betont dabei die Schulautonomie, die es einzelnen Standorten freistellt, in welcher Weise – ob als eigenes Fach oder integriert in andere Fächer – die digitalen Grundkompetenzen erworben werden. Swertz bricht eine Lanze für den Einsatz digitaler Medien spätestens in der Volksschule.

Vor allem im Projektunterricht würden die Kinder so zur selbstständigen Auseinandersetzung mit einem Thema ermutigt. Er plädiert für einen entspannten Umgang mit digitalen Medien, die natürlich kein Allheilmittel seien: „Bisher hat die Informatik noch kein einziges pädagogisches Problem gelöst“, so Swertz. Sie stoße zudem immer wieder relativ rasch an ihre Grenzen, da sich das Verhalten eines einzelnen Kindes eben nicht vorhersagen lasse – woran etwa die Entwicklung brauchbarer „intelligenter tutorieller Systeme“ scheitere. Der Bildungswissenschaftler findet das erfreulich: „Abweichendes Verhalten ist aus pädagogischer Sicht wünschenswert.“ Schließlich gehe es bei Bildung auch darum, den Mut zu haben, anders zu denken und Neues auszuprobieren. Ständige Kontrolle und Normierung sind damit nicht kompatibel.

Doch auch dafür gibt es in Österreich Ansätze: Das Schulverwaltungssystem Sokrates Bund speichert seit Jahren alle Noten aller österreichischen Schüler zentral. Der Zweck der Datensammlung ist unklar, Medienpädagoge Swertz hält das System für „extrem problematisch“: Schließlich lassen sich damit Lernbiografien lückenlos kontrollieren und überwachen. Für Ralf Lankau, der an der FH Offenburg Webdesign unterrichtet, ist Überwachung im Internet ohnehin unausweichlich: „Das Netz ist eine technische Infrastruktur zur Kontrolle der Nutzer.“

Lankau sieht vor allem wirtschaftliche Interessen hinter der galoppierenden Vernetzung: „Die Digitalisierung aller Lebensbereiche dient nicht den Interessen der Menschen, sondern wenigen Digitalmonopolen.“ In seiner Streitschrift „Kein Mensch lernt digital“ weist er mit Verve auf die Gefahren einer überhasteten Digitalisierung der Schulen hin, die vor allem von Lobbyisten im Auftrag diverser Konzerne befeuert werde. In Verbindung mit der Kompetenzorientierung, die dem Unterricht Individualität und Originalität ausgetrieben habe, entwickle sich das Schulwesen zusehends in Richtung einer standardisierten, von Maschinen gesteuerten Beschulung durch Lerncomputer – was etwa der eingangs zitierte Fritz Breithaupt ganz offen als die Schule der Zukunft herbeisehnt.

Utopie oder Dystopie? Bekanntlich sah bereits der gute alte Platon durch die Einführung der Schrift den Untergang des Abendlandes heraufdämmern, und ein wenig Alarmismus scheint in der Bildungsdebatte eben dazuzugehören. Wachsamkeit ist aber durchaus angebracht. Konzerne wie Bertelsmann, die an der Digitalisierung verdienen wollen, verbreiten – auch auf Einladung des österreichischen Bildungsministeriums – seit Jahren Botschaften, die in etwa so klingen: „Die Zukunft der Bildung ist digital. Internet und Big Data werden Schulen und Hochschulen grundlegend wandeln. […] Rechenzentren erstellen über Nacht individuelle Lernpläne für jede Schülerin und jeden Schüler. Universitäten arbeiten mit Software, die für Studierende die passendsten Fächer inklusive der voraussichtlichen Abschlussnoten ermittelt.“ Abgesehen vom verstörenden Menschenbild, das hier unverblümt sichtbar wird, ist auch der Subtext solcher Aussagen unüberhörbar: Nur keine Bange, wir haben das Produkt, das euer altertümliches Bildungssystem zukunftsfit macht. Aber beeilt euch, der Zug fährt gerade ab!

Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien weist auf ein zentrales Missverständnis hin, dem angesichts der Debatte viele Entscheider erliegen: „Digitalisierungsprediger meinen, Unterricht sei Informationsvermittlung.“ Das sei ein folgenschwerer Irrtum: „Schule funktioniert, weil sie einen abgegrenzten Raum bietet, in dem gemeinsam Sinn erarbeitet werden kann. Lernen ist ein Akt sozialer Verständigung. Das kann Technik weder ersetzen noch simulieren.“ Hopmann warnt davor, wie weiland die Behavioristen dem Trugschluss zu erliegen, Lernen sei ein von Stimuli getriebener mechanischer Vorgang: „Das ist die Pisa-Fantasie, das ist die Kompetenz-Fantasie, aber es ist falsch.“

An der Schwelle zum 4.0-Zeitalter empfiehlt es sich, kurz innezuhalten und einen Blick genau 40 Jahre zurückzuwerfen, ins Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ von Joseph Weizenbaum. Der Pionier der künstlichen Intelligenz warnte bereits 1978 davor, Maschinen die Kontrolle über den Lernprozess von Menschen zu geben. Sein Buch ist auch ein Appell an die Lehrenden: Ein Lehrer, der sich „selbst als bloßen Trainer“ sehe und nur Ziele erreichen wolle, „die andere für ihn festgelegt haben“, erweise seinen Schülern einen schlechten Dienst: „Er fordert sie auf, sich zum bloßen ausführenden Organ der Befehle anderer zu machen, letzten Endes nicht besser als die Maschinen, die ihnen eines Tages ihre Funktion vielleicht abnehmen werden.“

Aus heutiger Sicht ist dieser Tag nicht mehr fern. Weizenbaum spricht sich entschieden dagegen aus, Bildung zu sehr auf die „mächtige Metapher“ Computer auszurichten, durch den wir zwar „viele Aspekte der Welt leichter verstehen können, der jedoch ein Denken versklavt, das auf keine anderen Metaphern und wenige andere Hilfsmittel zurückgreifen kann.“

Die Lehre aus der frühen Warnung des Vordenkers bringt Stefan Hopmann auf den Punkt. Er meint zur Frage der Digitalisierung: „Ja, stellen wir uns den virtuellen Welten – aber machen wir den Unterricht nicht virtuell.“