Zeit der Oligarchen

Besprochen für Ö1/Ex libris

„Heute haben sich die Schrecken der Unsicherheit so tief ins öffentliche Bewusstsein gebrannt, dass die meisten Menschen, wenn sie zwischen Freiheit und Sicherheit wählen sollten, ohne zu zögern für die Sicherheit stimmen würden.“ Das schreibt Aldous Huxley im Jahr 1946 über eine nach wie vor oft schwierige Entscheidung. Der Satz stammt aus seinem Essay Science, Liberty and Peace, in dem der in den USA lebende englische Schriftsteller und Philosoph über die Gefahr der Zentralisierung von Macht nachdenkt. Durch den Fortschritt der Wissenschaften könne Macht nämlich immer effizienter von kleinen Gruppen ausgeübt werden. Was wie eine Gegenwartsdiagnose klingt, wurde doch Jahrzehnte vor der Erfindung des Internets, der Social Media und all ihrer Begleiterscheinungen niedergeschrieben. Der Carl Hanser Verlag bringt den Essay nun unter dem Titel Zeit der Oligarchen neu heraus.

Als „Oligarchie“ definierten Plato und Aristoteles die Herrschaft einer kleinen Gruppe von Reichen, die nicht am Gemeinwohl, sondern ausschließlich am Eigennutz interessiert sind, während Arme von der politischen Teilhabe ausgeschlossen bleiben.
Diese Form der Herrschaft werde durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik begünstigt, stellt Aldous Huxley bereits in der Einleitung zu seinem 1946 veröffentlichten Essay Science, Liberty and Peace fest. Die Freiheit des Einzelnen gerate gleichzeitig unter immer stärkeren Druck. In der nun knapp achtzig Jahre nach dem Original erscheinenden deutschsprachigen Ausgabe ist der ursprüngliche Titel zum Untertitel geworden. Als Zeit der Oligarchen, wie das Buch auf Deutsch heißt, kann man schließlich auch unsere Gegenwart verstehen: Immer weniger Menschen häufen immer noch unvorstellbarere Reichtümer an und verfügen allein durch Konzerne wie Meta, Palantir oder X über eine Machtfülle, die die westlichen Demokratien zum Scheitern zu bringen drohen. Aus ihrer antidemokratischen Weltanschauung machen die Tech Bros ohnehin schon längst kein Geheimnis mehr.

Die „Macht der Bosse“, über die Huxley in seinem Essay schreibt, beruht allerdings nicht auf Algorithmen sowie Bot- und Trollarmeen, sondern auf Handfesterem wie Panzern, Flammenwerfern und Langstreckenbombern. Huxley hat seinen Text unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und der immer bedrohlicher werdenden Konfrontation der westlichen und der kommunistischen Welt geschrieben.
In beiden Systemen sieht der Autor einen verhängnisvollen Drang zur Zentralisierung von wirtschaftlicher und politischer Macht. Die Bevölkerung werde da wie dort indoktriniert, die Wissenschaft hingegen instrumentalisiert:

Ich bin der Ansicht, solange die Ergebnisse der Wissenschaft nur zu dem Zweck angewandt werden, unser System der Massenproduktion und -distribution immer raffinierter und spezialisierter zu gestalten, so lange kann es nichts anderes geben als eine immer größere Zentralisierung der Macht in immer weniger Händen. Und die Konsequenz dieser Zentralisierung der wirtschaftlichen und politischen Macht ist der fortschreitende Verlust der bürgerlichen Freiheiten, der persönlichen Autonomie und der Selbstbestimmung für die breite Bevölkerung.

Bereits in seinem 1932 erschienenen, zumindest im deutschen Sprachraum berühmtesten Werk Brave New World zeichnet Huxley die Schreckensvision einer technologischen und konsumistischen Diktatur. Auch in seinem nun auf Deutsch vorliegenden Essay kritisiert der Autor und Philosoph einen zu naiven Glauben an den technologischen Fortschritt. Dieser diene schließlich keineswegs dazu, die psychischen oder spirituellen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Während diese nach Eigenverantwortung, Sinnhaftigkeit und einer symbiotischen Beziehung mit ihrer Umwelt streben, sorgen die Totalitarismen, deren Zeitzeuge Huxley ist, durch Propaganda und rohe Gewalt für Vereinheitlichung. Zu oft arbeite wissenschaftliches Denken, das von Versuchsanordnungen ausgehe und dabei die wesentlich komplexere Wirklichkeit nicht berücksichtige, im Sinne der nivellierenden Staatsgewalt.

Unter dem Eindruck der massenhaften Vernichtung und Vertreibung von Millionen von Menschen im Zweiten Weltkrieg plädiert Huxley für die Abrüstung und kritisiert jede Form von Nationalismus. Schließlich seien alle Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs der Versuchung erlegen, die dank der angewandten Wissenschaft immer tödlicheren Waffensysteme gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen. Und was ist mit dem Argument, die Entwicklung immer noch tödlicherer Waffen wie etwa der Atombombe würde zu einem Gleichgewicht des Schreckens führen und künftige Kriege verhindern?

„Wann immer die angewandte Wissenschaft ein neues und effizienteres Tötungswerkzeug hervorgebracht hat, wurde diese Hoffnung laut, und es wurden Beweise und Zahlen angeführt, dass nun der Krieg zu viel Leben, Leid und Geld kosten würde, um weiter rentabel zu sein. Dennoch wurde immer weiter Krieg geführt. […] Technischer Fortschritt schafft den Krieg nicht ab, er verändert ihn nur.“

Sowohl in uns als Individuen als auch in unseren zu Nationen verklärten Gemeinwesen stecke ein zu Brutalität neigender „Boy Gangster“, ist Huxley überzeugt. Wissenschaftler, die in ihrer Arbeit durch und durch rational denken, seien genauso wie alle anderen Menschen anfällig für den irrationalen Glauben an die Überlegenheit der eigenen Nation, und dieses Phänomen sei keineswegs auf das nationalsozialistische Deutschland beschränkt. Huxley schlägt daher einen abgewandelten hippokratischen Eid für Wissenschaftler vor, in dem diese geloben, ihr Wissen zum Wohl der Menschheit und gegen die zerstörerischen Kräfte der Welt einzusetzen und dabei mit ihren Kollegen gleichwelcher Nation, Religion oder Hautfarbe zusammenzuarbeiten.

Viele der Gedanken, Analysen und Visionen Aldous Huxleys aus der unmittelbaren Nachkriegszeit passen erstaunlich genau auf unsere Gegenwart. So etwa die scharfe Kritik an der Forderung nach Integration, bei der es stets um die Ausübung von Macht über angeblich zu integrierende Menschen gehe, oder auch die erstaunlich visionäre Behandlung der Energiefrage. So wundert sich Huxley bereits im Jahr 1946 angesichts des Gerangels der Noch-Kolonialmächte um die Ölfelder des Nahen Ostens, warum der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie so schleppend vorangehe, wo dieser doch – wenn einmal stärkere Batterien zur Verfügung stehen – unerschöpfliche und billige Energie für alle erschließen würde, gerade in den Ländern des globalen Südens.

So reizvoll es erscheint, zeitlose oder geradezu auf unsere aktuelle Situation gemünzt wirkende Zitate aus Zeit der Oligarchen herauszupicken, so wenig lässt sich dieser Text von seiner Entstehungszeit trennen. Die Welt hat sich in den seither verstrichenen achtzig Jahren ein gutes Stück weitergedreht. Als von einem tiefen Humanismus gespeistes Plädoyer für Freiheit und Vielfalt hat Aldous Huxleys Essay freilich nichts von seiner Aktualität verloren.

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