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Brexit or not, you can’t hide…

13/09/2019

England und Frankreich werden auch nach dem 31. Oktober ziemlich genau 40 km voneinander entfernt sein – jedenfalls von Frankreichs nördlichstem Spitz aus gesehen. Der wird danach sogar noch britischer sein als ohnehin schon. Hier eine für die Süddeutsche verfasste Reportage:

Gekommen, um zu bleiben

Nirgends ist Frankreich so englisch wie am Ärmelkanal. Viele Briten leben und arbeiten hier und bringen eine besondere Note in die Region. Die Unsicherheit wegen des Brexit wirkt sich auch auf den Tourismus aus

Man hat hier immer das Gefühl, durch ein Cinemascope-Bild zu spazieren, so weit ist der Himmel. Für den 3D-Effekt sorgen tief vorbeiziehende Wolken, die eine ständige Brise vom Ozean in Richtung Küste weht. „Ärmelkanal“ ist schließlich ein viel zu harmloser Begriff für das Stück Atlantik, das heftig an der Steilküste rüttelt und dabei bis zu dreißig Zentimeter pro Jahr von ihr abbricht. Doch an der Côte d’Opale hoch im Norden Frankreichs ist der Horizont tatsächlich nicht ganz so endlos wie etwas weiter im Süden: England verstellt den Blick, die Kreidefelsen von Dover leuchten aus gerade einmal 34 Kilometern Entfernung über das Wasser.

Nur einer will sie nicht sehen. Mit trotzigem Gesicht und in die Stirn gezogenem Zweispitz wendet Napoleon der britischen Küste die Kehrseite zu, weithin sichtbar auf einer Säule von 50 Metern Höhe. Das Monument etwas außerhalb der Stadt Boulogne-sur-mer erinnert an das riesige Militärlager der Grande Armée von 1804. Von dort aus wollte der Kaiser der Franzosen ein Dreivierteljahrtausend nach dem Normannen Wilhelm wieder einmal England erobern. Eine österreichische Offensive zwang ihn im letzten Moment, seine Soldaten statt an die Themse nach Austerlitz zu führen. Die Ausrichtung der Statue ist damit zumindest teilweise erklärt.

Man muss aber gar nicht die 264 Stufen bis zur Aussichtsplattform erklimmen und von dort den Blick im Gegensatz zum großen Korsen in Richtung der nahen englischen Küste schweifen lassen, um ein Gefühl für den seit jeher komplizierten französisch-britischen Beziehungsstatus zu bekommen. Dazu wirft man besser einen Blick in die erstbeste Speisekarte einer beliebigen Brasserie an der Côte d’Opale: Die Liebe geht schließlich durch den Magen, auch und gerade in Frankreich. Dass eine der wichtigsten kulinarischen Spezialitäten Nordfrankreichs „Welsh Rarebit“ heißt, lässt also auf ein durchaus inniges Verhältnis zum nordwestlichen Nachbarn schließen. So wie die lokale Tradition, zu Weihnachten nicht wie im restlichen Frankreich einen „Bûche“ genannten Kuchen, sondern einen typisch englischen Plumpudding als Dessert zu servieren. Nicht nur geographisch ist England dem Kontinent hier so nahe wie sonst nirgends, auch emotional ist die Bindung zwischen dem französischen Norden und seinen britischen Nachbarn traditionell eng. Wirtschaftlich sowieso. Der unerbittliche näherrückende Brexit wird das nicht ändern, im Gegenteil: Das oberste der sechs Ecken Frankreichs wird durch ihn wohl noch ein gutes Stück britischer.

Wie viele ihrer Landsleute hoffen derzeit etwa Judy und Nick Gifford, die in einem selbst renovierten Bauernhof in der Nähe der Zisterzienserabtei von Valloires leben, auf eine baldige Erledigung ihres Antrags auf die französische Staatsbürgerschaft. Abgestoßen von Margaret Thatchers Politik waren sie mit ihren Kindern vor dreißig Jahren aus England nach Frankreich gezogen. Die Filmemacher kochten in ihrer Freizeit Orangenmarmelade nach einem alten Rezept und verkauften sie auf dem Wochenmarkt. Als eines Tages Alain Ducasse anrief und Marmelade für sein Frühstücksbuffet bestellen wollte, hängten die Giffords ihre Kameras an den Nagel. Bis 2014 kamen sie kaum noch weg von den vielen Kupferkesseln, dann übernahm ihr Sohn Eli den Laden und übersiedelte die Manufaktur ins nahe Le Touquet.

Eli, der mittlerweile Luxushotels in aller Welt beliefert, bezeichnet das Familienunternehmen als „ideale Mischung aus französischem savoir-faire und britischer Tradition“. Dabei ist auch der Firmenstandort Le Touquet-Paris-Plage und der gesamte Küstenabschnitt selbst eine ideale französisch-britische Mischung: Der Brite John Whitley kaufte Ende des 19. Jahrhunderts weitläufige Ländereien südlich der Mündung des Flusses Canche und ließ dort im großen Stil Luxushotels und edle Sportanlagen errichten, um wohlhabende Briten in die Gegend zu locken. Von Maurice Ravel bis Emmanuel Macron reicht die Liste illustrer Gäste, die dem noblen Ferienort mit den vielen denkmalgeschützten Villen sein besonderes Gepräge geben. Eli Gifford sieht die Vorteile seines Firmenstandorts pragmatisch: „Wir sind hier auf halbem Weg zwischen Paris und dem Vereinigten Königreich, die Infrastruktur stimmt, und schön ist es natürlich auch.“ Ob er sich keine Sorgen wegen des Brexit macht? „Wenn wir Qatar und Japan beliefern können, werden wir das auch im Post-Brexit-Britannien hinkriegen“, gibt sich der quirlige Thirty-Something unbeeindruckt. Ist die Doppelstaatsbürgerschaft einmal bewilligt, wird er auch nach vollzogenem Austritt seines Geburtslandes ungestört seinen Geschäften nachgehen können.

Auch Alison und Jon Haslock, die ein Stück weiter im Landesinneren wohnen, werden bald „richtige“ Franzosen sein. Sie sind 2005 aus Nordengland ins Dörfchen La Boisselle übersiedelt, auf halbem Weg zwischen Amiens und Arras, um dort ihren Traum zu leben: Jon, ein ehemaliger Stahlarbeiter, hatte sich neben seinem Job in Abendkursen zum Historiker fortgebildet. Er führt heute Reisegruppen über die Schlachtfelder an der Somme, wo zehntausende Briten im Ersten Weltkrieg kämpften. Alison betreibt den Old Blighty Tearoom, einen britischen Teesalon, den Uniformen und Schrapnellteile, alte Helme und Orden, die Jon im Lauf der Jahre auf den verschiedenen Schlachtfeldern gefunden und bei Trödlern aufgestöbert hat, auch zu einem kleinen Museum machen. Unmittelbar neben dem Tearoom der Haslocks befindet sich ein wichtiger Anziehungspunkt für viele Reisegruppen: Der Lochnagar-Krater, ein riesiges Loch in der Landschaft. Die Sprengung der Minen, die britische Pioniere bis unter die vordersten deutschen Linien getrieben hatten, gab am 1. Juli 1916 das Startsignal für die Sommeschlacht. Es war die bis dahin lauteste von Menschenhand hervorgebrachte Explosion, sie soll bis London zu hören gewesen sein.

Doch dieses Jahr ist es ruhig geworden in La Boisselle. Jon wurde von Reiseveranstaltern darüber informiert, dass wegen der Unsicherheit rund um den Brexit-Termin einige geplante Fahrten nicht zustande gekommen sind. „Niemand weiß, was auf uns zukommt, das ist das Schreckliche.“ Auch die Haslocks haben um die Doppelstaatsbürgerschaft angesucht, die einzige Option für viele britische Staatsbürger, die sich in Frankreich eine berufliche und familiäre Existenz geschaffen haben. Das unterscheidet den französischen Norden so von Gebieten wie dem Périgord, wo ganze Dörfer ausschließlich von Engländern bewohnt werden: „Dort im Süden leben lauter Pensionisten. Hier in Nordfrankreich sind die britischen Expats deutlich jünger und haben Unternehmen aufgebaut, das macht den Brexit viel bedrohlicher.“ Nur eines ist den Haslocks sonnenklar: „Niemand wird deswegen zurückgehen.“

Wie viele Briten in Nordfrankreich leben, weiß man mangels Statistiken gar nicht. Auch Diana Hounslow, die oberste Touristikerin des Départements Pas-de-Calais, kennt nur Schätzungen mit hoher Schwankungsbreite, die für ganz Frankreich etwa 150.000 bis 400.000 britische Staatsbürger annehmen. Fix ist nur, dass die Anträge auf die französische Staatsbürgerschaft stark zunehmen. Da sich viele Briten sehr aktiv ins Gemeindeleben einbringen, wird es im Pas-de-Calais wohl bald den einen oder anderen Bürgermeister mit englischem Akzent geben. Für Hounslow ist der Brexit eben ein weiteres Kapitel der langen, wechselvollen britisch-französischen Geschichte der Region. Sie verweist auf die alte Liebe ihrer Landsleute zu Frankreich, schließlich wurden neben Le Touquet viele kleinere Badeorte vor allem von britischen Adeligen entdeckt und entwickelt. Promis von einst wie Charles Dickens verbrachten ihre Ferien gern in Boulogne-sur-mer. Doch die Geschichte ist auch eine Bürde: Die Ärmelkanalküste war der stärkste Teil von Hitlers „Atlantikwall“. Um die Nazi-Strategen im Glauben zu belassen, der alliierte Angriff würde hier stattfinden, bombardierte die Royal Air Force die nordfranzösische Küste intensiv. Heute zählt der damals umgepflügte Landstrich um das Cap Gris-Nez zu den 18 mit dem Label „Grand Site de France“ ausgezeichneten Gebieten Frankreichs. Nicht nur die landschaftliche Schönheit der Küste mit ihren Kreidefelsen und kleinen Buchten, die durch alte Zöllnerpfade verbunden sind, war für die Auszeichnung ausschlaggebend: „Wir haben uns mit dem klar formulierten Willen um das Label beworben, die Narben, die der Weltkrieg in die Landschaft geschlagen hat, nicht zu verstecken“, erklärt Diana Hounslow auf einer Café-Terrasse im Badeort Wimereux. An beiden Enden des weiten Sandstrands befinden sich heute noch stattliche Bunkeranlagen. Gerade einmal acht Kilometer sind es zum Parkzentrum „Maison des Deux Caps“. In dessen unmittelbarer Nachbarschaft steht eine riesige Kanone namens Leopold neben einem zum Museum gewordenen Blockhaus, als würde sie die englische Küste jederzeit wieder unter Beschuss nehmen können.

Fährt man von Wimereux in Richtung Süden, führt die Landstraße am Schloss von Hardelot vorbei, das im 19. Jahrhundert im Neo-Tudor-Stil auf mittelalterlichen Ruinen neu erbaut wurde. Seit 2009 beherbergt es das „Kulturzentrum der Entente cordiale“. Dessen Mission : Dem französischen Publikum die britische Kultur näherzubringen. „Wir werden auch nach dem Brexit ganz normal damit weitermachen. Gute Beziehungen zu Großbritannien sind schließlich unser Markenzeichen“, erklärt Direktor Eric Gendron. Und doch weht seit der Brexit-Abstimmung ein ironischer Hauch der Geschichte durchs romantische Gemäuer: Anlässlich des 400. Todestag William Shakespeares wurde neben dem Schloss das erste „elisabethanische“ Theater Frankreichs eingeweiht. Der elegante Rundbau erinnert an Shakespeares erste Bühne, das „Rose“, und wurde von den World Architecture News mit dem Preis für die weltweit beste Holzkonstruktion ausgezeichnet. Ausgerechnet am Eröffnungswochenende fand das Brexit-Referendum statt – die Feierlaune war an jenem Juniabend gedämpft. Auch Architekt Andrew Todd beantragte wenig später die französische Staatsbürgerschaft. Shakespeare hätte diese Wendung wohl gefallen : Er liebte Tragikomödien, bei ihm gehen sie meistens gut aus.

 

weitere Infos:

Napoleon-Säule: La Colonne de la Grande Armée, Avenue de la Colonne 62126 Wimille. www.colonne-grande-armee.fr

Le Tearoom (Judy & Nick Gifford): 1 Rue du Marais, 62870 Saint-Rémy-au-Bois www.le-tearoom.com, www.teatogether.com

Gästezimmer in der Abtei: Abbaye de Valloires, 80120 Argoules. www.abbaye-valloires.com/hotellerie

Old Blighty Tearoom & Tours: 1 Rue Georges Cuvillie, 80300 La Boisselle. www.oldblightytearoomsomme.com

La Maison des deux Caps (Karten- und Infomaterial zum Grand Site de France): La Sence, 62179 Audinghen. www.les2caps.fr

Atlantikwall-Museum im Bunker : Batterie Todt, Hameau de Haringzelle, 62170 Audinghen. www.batterietodt.com

Schloss Hardelot/elisabethanisches Theater: 1 Rue de la Source, 62360 Hardelot. www.chateau-hardelot.fr

 

Weitere Informationen unter http://www.france.fr

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