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Ein Mr. Hyde für die Generation Y

29/01/2018

Tristan Garcias Roman „Faber“ wurde im deutschen Feuilleton teilweise hymnisch besprochen. Warum, das ist mir schleierhaft, wie ich in der Wiener Zeitung kurz darlege:

 

Ein Mr. Hyde für die Generation Y

Von Georg Renöckl
  • Tristan Garcias gestelzter Roman „Faber“.

Basile und Madeleine, beide Anfang dreißig, beide unauffällige Existenzen in einer französischen Kleinstadt, beschließen, sich an ihrem ehemaligen Mitschüler Faber zu rächen. Dass solche Unterfangen schiefgehen, ist klar, doch kann man sich auch fragen, wie ein erwachsener Mensch überhaupt auf eine derartige Idee kommt. Um die jahrzehntelange Obsession der beiden zu rechtfertigen, erzeugt der Roman gehörig Fallhöhe.

Faber, nun Clochard, war einst der ungekrönte König der Kleinstadt. Geheimnisumwittert steht er eines Tages im Schulhof und stellt die alte Hackordnung im Handstreich auf den Kopf. Er ist als Kind schon extrem belesen, körperlich allen überlegen, kann jedes Schloss knacken und die Haustechnik der Schule nach Belieben manipulieren; er stiehlt Lehrern Prüfungsaufgaben, schlägt Neonazis in die Flucht und kämpft für eine bessere Welt. Zu dick aufgetragen? Sicherlich, aber das ist noch nicht alles.

Wie weiland Dr. Jekyll kämpft Faber mit einem Mr. Hyde. Er bezeichnet sich selbst als Teufel, hat gelegentlich gelb leuchtende Augen und verfügt, wenn der Andere aus ihm herausbricht, über unerklärliche Kräfte. Dass man beim näheren Kontakt die eine oder andere Schmauchspur davonträgt, ist klar, vom höllischen Sex ganz zu schweigen. Basile und Madeleine fühlen sich vom dämonischen Mitschüler um ihr Leben betrogen, weil, weil – ja warum eigentlich?

Eine riesige Leerstelle klafft im Zentrum des Romans. Garcia füllt sie mit etwas halbherzigem Satanismus, ein paar geistvollen Reflexionen über das Lehrer-Dasein und noch viel mehr Plattitüden über das fade Heranwachsen der Generation Y in der Provinz. Zu allem Überfluss lässt sich der Autor auch noch selbst als Romanfigur auftauchen und über mögliche Interpretationen seines Textes nachgrübeln.

Tristan Garcia, Jahrgang 1981, ist hauptberuflich Philosoph und wird als wichtiger Intellektueller seiner Generation gefeiert. Sein Roman „Faber“ (im Original 2013 erschienen) ist eine Kopfgeburt, die so blutleer und gestelzt daherwankt, dass tatsächlich so etwas wie Grauen entsteht – wenn auch ein anderes als das vom Text intendierte.

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