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„Natürlich sind wir schlampig“

19/10/2016

Nach ein paar Wochen in der Warteschleife erschienen: Ein Gespräch mit Armin Thurnher über sein neues Buch und die Bundespräsidentenwahlwiederholungsverschiebung:

Die österreichische Seele
«Natürlich sind wir schlampig»
INTERVIEW von Georg Renöckl 17.10.2016, 05:30 Uhr
Der österreichische Publizist Armin Thurnher hält Österreich zwar für verbesserungsfähig. Aber an dem bisschen Schlamperei wird das Land nicht untergehen.
Herr Thurnher, zur Wiederholung der Bundespräsidentenwahl schrieben Sie den schönen Satz: «Es geht ein bisserl ans Eingemachte.» Angesichts der Pannenserie rund um diese Wahl stellt sich die Frage: Stimmt das «bisserl» noch?

Ich glaube, dass die Bevölkerung das relativ gelassen nimmt und dass die Aufregung von Anfang an etwas künstlich war. Wenn Sie die USA als Beispiel nehmen: Dass man mit Stimmenmehrheit dann doch nicht Präsident wird und dass der Oberste Gerichtshof eine Neuauszählung verbietet, obwohl tatsächlich Ungereimtheiten vorliegen: Davon sind wir ja meilenweit entfernt.

Sie bezeichnen in Ihrem Buch Österreich als «Mutterland der Schlamperei», da würde ich gerne widersprechen.

Von der Tradition her stimmt das teilweise – und teilweise auch nicht. Wir haben ja den josephinischen Beamten, der ein Inbild der Korrektheit ist und auch eine Tradition darstellt, die im Land viel zu wenig gewürdigt und gepflegt wird. Bürokratie wird immer nur negativ konnotiert. Anderseits sind wir natürlich schlampig und salopp, was auch seine positiven Seiten hat, das soll man auch nicht abstreiten. Wir haben aber ein schlechtes Gewissen dabei.

Und das soll zur Annullierung der Stichwahl geführt haben?

Ja, das war meiner Meinung nach der Grund, warum der Einspruch der FPÖ Erfolg hatte. Das war ein juristisch schwacher Bluff, doch die Verfassungsrichter glaubten, es könnte der Eindruck entstehen, wir seien kein Rechtsstaat, weil Kuverts vorzeitig geöffnet wurden. Nicht einmal der Anschein einer Fälschung lag vor, kein Verdacht, nichts. Die FPÖ hat zwar behauptet, dass in Altersheimen massiv manipuliert worden sei, es gab aber keine Beweise. Behaupten kann man alles.

Welche Motive könnte die FPÖ haben?

Ich sehe dahinter ein System, mit rechtsstaatlichen Mitteln den Rechtsstaat zu destabilisieren. Ich erinnere mich an Haider – dessen Anwalt der spätere Justizminister Böhmdorfer war –, der den Verfassungsgerichtshof systematisch verhöhnt hat. Da ist von Rechtsstaat und Rechtstreue keine Rede. Ich verstehe nicht, warum nicht die ganze österreichische Gesellschaft diese Partei auslacht. Im Gegenteil: Alle schlagen den Kragen hoch und sagen: «Um Gottes willen, es wurde geschlampt!»

Sie schreiben, dass in Österreich zuerst die Farce komme und dann die Tragödie. War das eine Prophezeiung für die bevorstehende Wahl?

Nein, ich habe das auf Europa bezogen, dass die FPÖ-Farce ein unheilvolles Vorzeichen sein kann. Das erklärt auch die Aufmerksamkeit, mit der Österreich jetzt bedacht wird: So relevant sind wir zwar gar nicht, aber wenn ein gestandenes EU-Mitglied, eine westliche Demokratie mehrheitlich von einer rechtsnationalen Partei übernommen wird, dann ist natürlich Alarm angesagt.

Halten Sie die Tatsache, dass der nächste Bundespräsident keiner der beiden ehemaligen Grossparteien angehört, für einen Epochenbruch?

Da zeigt sich auch die Brüchigkeit der Konzeption der österreichischen Identität nach 1945, die sich ja ahistorisch herausgebildet hat. Nie hat dieses kleine Österreich versucht, an mögliche Stärken anzuknüpfen wie das übernationale Erbe der Habsburger. Ich bin weder fürNostalgieseligkeit à la Joseph Roth noch für hysterische Monarchieabwehr. Aber es gibt doch einfach komplexe historische Umstände mit sehr vielen Anknüpfungspunkten.

Es gibt das bekannte Hebbel-Zitat von Österreich als einer kleinen Welt, in der die grosse ihre Probe hält. Warum sieht es denn gerade hier danach aus, als könnte der auch anderswo herrschende «autoritäre Traum», wie das der Historiker Philipp Blom nennt, umgesetzt werden?

Wir leben in einer Gesellschaft, die vielfältige Wertesysteme hat und sehr pluralistisch organisiert ist, vor allem sehr ungleichzeitig. Auf dem Land gibt es Schichten, die auch aus ökonomischen Gründen dort verharren, wo sie seit fünfzig Jahren sind, in den Städten herrscht das befreite Durcheinander. Die Betriebe und Unternehmungen führen flachere Hierarchien ein, fordern mehr persönliche Verantwortung, die Ansprüche an die Ausbildung steigen. Viele möchten aber lieber jemanden, der für sie sorgt und ihnen Entscheidungen abnimmt.

Woher kommt der Hang zum Autoritären im wohlhabenden Österreich?

Das Gefühl, dass alles sehr prekär ist, hat sich gewiss verstärkt. Hier liegt ein Unterschied zur Post-Wirtschaftswunder-Gesellschaft, die eigentlich auch sehr krisenhaft, im persönlichen Bewusstsein aber trotzdem stabiler war. Das hängt mit der Liberalisierung der Gesellschaft zusammen. Vieles ist befreit worden, viele Verhältnisse sind aufgebrochen worden, aber für viele ist diese Befreiung nicht positiv konnotiert. Sie hat auch zu viel mehr Ungleichheit geführt, das geht vielen Leuten zu weit, auch mir. Mich wundert, warum die linken Organisationen nicht attraktiver sind. Auch die traditionellen Arbeitnehmerorganisationen haben es nicht geschafft, ihre Anliegen in dieses liberale Zeitalter herüberzuretten.

Auch die Migration und die Flüchtlingskrise nützen der FPÖ. DerPublizist Karl-Markus Gauss schrieb dazu, die Regierenden hätten der Bevölkerung so lange eingeredet, ihre Ängste ernst zu nehmen, «bis diese sich wirklich zu fürchten begann». Stimmt das?

Die Flüchtlingskrise betrifft ja nicht nur Österreich oder Europa. Die Klimakatastrophe wird das alles noch verstärken. Und dazu kommen Religionskriege. Es sieht auch so aus, als ob sich der Regionalkonflikt im Mittleren Osten noch ausweiten würde. Die Leute müssen vor diesen Verhältnissen fliehen. Dann kommt die Klimakatastrophe in Afrika dazu, und wenn die einmal Indien betrifft oder wenn Konflikte zwischen Indien und China aufbrechen . . . Wir müssen uns als Profiteure der Globalisierung auch unserer Rolle bewusst werden und über kurz oder lang zur Kenntnis nehmen, dass uns, nachdem wir lang genommen haben, nun etwas genommen wird. Dieser Erkenntnis stellt sich niemand so gern.

Was also wäre zu tun?

Die Politiker bemühen sich zu wenig, ihr Tun politisch zu begründen, so dass es auch verständlich wird. Die grösste Schwäche Österreichs, dieses vorauseilende Sichanbiedern an den Boulevard, hat zu einer politischen Entkernung geführt. Man kauft Meinungen, man schaut, dass man zumindest nicht beschädigt wird und keine Kampagne gegen sich laufen hat, und damit glaubt man durchzukommen. Aber so entsteht ein Milieu, das eher Ressentiments als politische Perspektiven transportiert.

Und wie soll das Land herausfinden aus diesem Habitus?

Mich ärgert gerade darum der politische Hoffnungsträger der ÖVP, Aussenminister Kurz, der ein wirkliches politisches Talent ist, dieses aber vergeudet, indem er genau diese Ressentiments bedient. Doch wir brauchen eine konservative Partei im Land, die ihre Art von Kapitalismus zu begründen und als attraktives Modell zu formulieren vermag.

Fehlt es an Bürgersinn in Österreich?

Ich halte das wirklich für einen Schlüssel des österreichischen Problems, auch historisch. Schon Joseph II. ist an den Österreichern verzweifelt und hat versucht, Fabrikanten aus dem Elsass zu holen und Hugenotten in Österreich anzusiedeln. Wissen Sie, was die erste Dampfmaschine in Österreich betrieben hat? Den Springbrunnen des Palais Belvedere. Da sieht man das Grundproblem der österreichischen Ökonomie und der österreichischen Bürgerlichkeit: Feudalherren haben die Technologie importiert, aber nicht zu industriellen Zwecken, sondern fürs Pläsier.

Ein Sisyphus der lustvollen Polemik

öck. ⋅ «Ach, Österreich!», entfuhr es Armin Thurnher, Chefredaktor der Wiener Wochenzeitschrift «Falter», als ihm bewusst wurde, dass es wieder einmal ein erklärendes Buch über die oft verwirrenden Vorgänge in der Alpenrepublik brauchte. Nicht nur, um die Umstände zu begreifen, die zu Aufhebung und Wiederholung der Bundespräsidenten-Stichwahl geführt haben: «Österreich 2016, das ist ein Land, in dem sich die Probleme der Welt brennpunktartig wiederfinden, manche von ihnen sogar verschärft», schreibt Thurnher in seinem «Prolog».

Dabei hatte der Publizist bereits im Jahr 2000 erklärt: «Über Österreich zu schreiben ist unerträglich.» Einige Österreich-Bücher aus seiner Feder sind seither erschienen. 170 Seiten nach dem einleitenden Seufzer des neuesten Bandes ist klar, dass man sich den Autor zwar als austriakischen Sisyphus, somit aber auch als glücklichen Menschen vorstellen darf, der sich lustvoll polemisch an seinem Land abarbeitet. «Wahl und Wahn» heisst das zentrale, der Posse um die Präsidentenwahl gewidmete Kapitel, doch auch um Selbst- und Fremdwahrnehmung, den Zustand der Parteienlandschaft und die Verfasstheit der Öffentlichkeit des Landes geht es in dem brillanten Essay.

Armin Thurnher: Ach, Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik. Zsolnay-Verlag, Wien 2016. 176 S., € 16.–.

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