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Der Königsweg zum Stade de France

16/06/2016

Auch wenn nicht gerade ein Öffi-Streik ist: Zu Fuß ist Paris einfach am schönsten – sogar wenn man vom Zentrum zum Stadion will. Ich bin die Strecke für die „Presse“ abgegangen:

 

Der Königsweg zum Stade de France

07.06.2016 | 14:19 |  von Georg Renöckl (Die Presse – Schaufenster)

Nicht nur bei Métro-Streiks, durchaus aber bei normalem Wasserstand der Seine zu empfehlen: Der Königsweg von der Ile de la Cité zur Basilika St. Denis, zu Fuß.

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Kopfloser Wegweiser: Dionysius von Paris bzw. Bischof Saint Denis
Man geht nicht ins Fußballstadion, man pilgert. Passenderweise ist kaum ein Stadion der Welt besser dazu geeignet als das Stade de France: Eine schnurgerade Linie verbindet die nördliche Pariser Vorstadt Saint-Denis mit der Île de la Cité, der Wiege Frankreichs. Diese von den Römern angelegte Straße war jahrhundertelang der letzte Weg der Königinnen und Könige des Landes, wenn sie nach der Messe in Nôtre Dame in die Basilika von Saint-Denis zu Grabe getragen wurden. Der Trauerkondukt folgte damit genau der Route, die die Herrscher zu Lebzeiten für ihre triumphale Rückkehr nach siegreichen Feldzügen nahmen. Was läge also näher, als diese für Triumph und Trauer prädestinierte Strecke zu wählen, um vom Pariser Stadtzentrum zum Stade de France zu gelangen? Den Pilgergang nach Saint-Denis beginnt man am besten vor der Fassade von Nôtre Dame: Beim linken Eingangstor der Kathedrale befindet sich die Statue eines Heiligen, der seinen Kopf in den Händen hält. Es handelt sich dabei um niemand anderen als Saint Denis, den heiligen Dionysius, der im dritten Jahrhundert als erster christlicher Bischof von Lutetia hingerichtet wurde. Sechs Kilometer weit soll der Märtyrer, den eigenen Kopf unter dem Arm, danach in Richtung Norden marschiert sein. Wo er der Legende nach sein Haupt niederlegte, zusammenbrach und begraben wurde, steht heute die nach ihm benannte Basilika und königliche Grablege, die im zwölften Jahrhundert zu einer der ersten gotischen Kirchen umgebaut wurde.

Fast Food und Sexshops. Nur wenige Schritte sind es von der Kathedrale zum Palais de la Cité, dem alten Königsschloss mit den hübschen spitzen Türmen. Über den Pont au change gelangt man von dort zur Place du Châtelet, einer etwas unwirtlichen Gegend, der das namensgebende, im 19. Jahrhundert abgerissene Schlösschen irgendwie fehlt. Hier beginnt die eigentliche Rue Saint Denis. Königlich wirkt sie mit ihren Fast-Food-
Lokalen, Schuhgeschäften und Sexshops, die den modernen Pilger empfangen, allerdings nicht. Es spricht also nichts gegen einen kleinen Abstecher, der auch für die nötige Stärkung sorgt: Die Bäckerei Dheilly in der Rue des Halles gehört zum erlauchten Klub der besten Bäckereien der Stadt, die der legendäre Boulan-
gerie-Guide „Cherchez le pain“ auflistet. Sie sieht denkbar unspektakulär aus, doch die Qualität von Pain au chocolat und Croissant aux amandes bestätigt den Guide. Wen der Anblick von totem Ungeziefer nicht vom Essen abhält, der kann vor der Auslage des Rattenvernichters Aurouze gleich daneben an seiner Viennoiserie knabbern und dabei die vor über hundert Jahren zwischen den Markthallen gefangenen Riesennager bewundern. Der Rue Sainte Opportune folgen wir zur Rue de la Ferronnerie, in der im Jahr 1610 Henri IV. erstochen wurde. Ein ins Pflaster gearbeitetes Wappen bei Hausnummer 4 erinnert daran. Ein Durchhaus führt zur Fontaine des Innocents: Der Renaissance-Brunnen aus dem 16. Jahrhundert lag ursprünglich direkt an der Rue Saint Denis, wurde aber im 18. Jahrhundert versetzt, als hier der älteste Friedhof der Stadt ab- und ein neuer Markt angesiedelt wurde. Von hier ist auch ein Eck des neuen Daches über dem Hallen-Einkaufszentrum sichtbar. Einst standen dort die eleganten Belle-Epoque-Pavillons des Architekten Victor Baltard, die in den 1980er-Jahren einem misslungenen Einkaufszentrum Platz machen mussten, das nun seinerseits völlig umgebaut wird. Das bereits fertige Blätterdach, auf Französisch Canopée, stößt auf gemischte Reaktionen: Es wirkt recht klobig, die gelbliche Farbe irritiert, bei starkem Regen ist es undicht, und ganz schön teuer war es mit 216 Millionen Euro auch.

Biomeile. Bleiben wir lieber auf der Rue Saint Denis, auf der wir an der Kirche Saint-Leu-Saint-Gilles vorbeispazieren. Bis vor Kurzem war das hier noch eine lang gezogene Rotlichtmeile, doch die Sexshops weichen nach und nach Bioweinhandlungen, Gemüseläden und Frühstückslokalen. Neu ist etwa die Bäckerei Chez Meunier auf Nummer 181: ein elegantes Ecklokal mit vergilbtem Deckenstuck, in dem hervorragende Biobrote vor Ort gebacken werden. Keine sieben Euro kostet das Frühstück. Zahlreiche Passagen mit teils schillernder Vergangenheit öffnen sich links und rechts des Weges, etwa die elegante, etwas sterile Passage du Grand Cerf, die belebtere Passage du Bourg l’Abbé gleich gegenüber, oder die enge Passage de la Trinité. Nach dem Überqueren der Rue Réaumur geht es weiter mit der Passage du Caire, die an Napoleons Ägypten-Feldzug erinnert, oder der schmuddeligen Passage Sainte-Foy, deren diskreten Eingang in der Rue Saint Denis 263 man leicht verpassen kann. Erbaulicher ist die Passage des Dames-de-Saint-Chamond auf Hausnummer 226, die zu einem Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert führt.

Halalfleischereien. Die Porte Saint Denis, an der es nun vorbeigeht, wurde zu Ehren des Sonnenkönigs Ludwig XIV. errichtet, der an der Stelle der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert die Grands Boulevards anlegen ließ. Noch heute markiert die barocke Pforte eine Grenze: Ab hier dominieren nordafrikanische Läden und Halalfleischereien das Straßenbild. Und auch weitere Passagen gibt es zu erkunden, gleich nach dem Triumphbogen etwa die von afrikanischen Barber-Shops in Beschlag genommene Passage du Prado oder die Passage Brady mit ihren indischen Restaurants und aufdringlichen Kellnern. Lohnender ist die Passage des Petites Ecuries mit der sympathischen Vintage-Bagelbude Epicerie de la Cour und einer Pariser Gastronomielegende: der 1918 von einem Elsässer namens Floederer in einem alten Bierdepot gegründeten Brasserie Flo.

Zurück auf dem Königsweg umfängt einen das pralle Straßenleben. Kaffeeröstereien, Traîteur-Läden, unzählige Lokale und Schnellimbisse – der Kontrast zwischen heruntergekommenen Fassaden und oft liebevoll präsentierten Köstlichkeiten verleiht diesem etwas abgewetzten Stück Paris einen ganz eigenen Reiz. Hinter dem Nordbahnhof wird die königliche Ein- und Ausfallstraße noch einmal bunter und belebter, die Auslagen sind voller Saris und Maharadscha-Anzügen, kaum jemand spricht auf der Straße Französisch. Ein guter Ort für eine Pause in exotischem Ambiente ist die Rue Cail, in der es eine ganze Reihe von srilankischen Restaurants namens Krishna Bhavan gibt. Gut, nett und immer voll ist das auf Hausnummer 2. An Peter Brooks wunderschönem Theater Bouffes du Nord vorbei, zwischen den Gusseisensäulen der überirdisch verlaufenden Metro hindurch, empfiehlt sich ein kleiner Schlenkerer weg von der Königsstraße: ins Viertel Goutte d’or auf der anderen Seite der Nordbahn. Benannt nach dem Wein, der einmal an den Hängen des Montmartre angebaut und Goldener Tropfen genannt wurde, und einen denkbar schlechten Ruf hat: Schon in Emile Zolas „L’assommoir“ soffen sich dort die Proletarier um ihre Existenz, noch heute gilt es vielen als No-go-Area. Immer neue Einwanderungswellen machten dem Weinberg den Garaus und das Viertel zu dem, was es heute ist – eine der spannendsten Ecken der Stadt, in der sich dank niedriger Immobilienpreise eine kreative Szene entwickelt hat. Zu besichtigen etwa in der Rue Jessaint 22: Cocobohème heißt dort ein Verkaufsraum voll witziger Details für zu Hause, vom Wäschekorb aus Leder über Bastelmaterialen bis zu Lampenschirmen aus Holz.

Afrikanischer Markt. Es lohnt sich, danach ein paar Schritte die Rue de la Charbonniere hinunterzugehen: Der Blick auf das Sacré Coeur ist von hier aus geradezu unwirklich. In der Rue des Gardes ist die für aufstrebende Viertel unvermeidliche Mikrobrauerei angesiedelt: Fred und Tristan brauen in der Brasserie de la goutte d’or 500 Hektoliter Kreativbier pro Jahr mit Zutaten aus ihrem Grätzel. Durch die Rue des Gardes, eine Straße, in der die Stadt jungen Designern günstigen Arbeitsraum zur Verfügung stellt, geht es zur Rue Myrha weiter, einer Straße voller Gegensätze: In der Ferme de Paris gibt es lebende Hühner oder Bioweine, man kommt an islamischen Buchhandlungen und afrikanischen Gemischtwarenläden vorbei, an finsteren Kaschemmen und topmodernen, in schmale Baulücken gesetzten Wohnhäusern. Ähnlich abwechslungsreich ist das Straßenbild der Rue de la Poissonnerie, die zum afrikanischen Markt in der Rue Dejean führt. Den Fotoapparat sollte man dort wegpacken: Zwischen Ständen voller Maniok und getrocknetem Fisch sind viele „wilde“ Händler an der Arbeit, die nicht fotografiert werden wollen. In der Rue Doudeauville haben sich vor allem Stoffhändler und Schneider angesiedelt, am Eck zur Rue Stephenson lohnt sich der Blick ins Centre des Cultures d’Islam, das sehenswerte Ausstellungen veranstaltet und einen Souvenirshop mit nordafrikanischem Kunsthandwerk hat.

In der Rue Marcadet, etwas weiter stadtauswärts, fühlt man sich dann nicht mehr wie in Afrika, sondern wie in New York: Das Lomi Café in einem Neubau mit viel sichtbarem Stahl und Beton gleicht einem Coworking Space für junge Kreative, der selbst geröstete Kaffee und die Schokoladentarte sind ausgezeichnet. Überquert man die Nordbahn entlang einer Mauer voller Graffiti, landet man in der Rue Marx Dormoy und damit wieder auf der Pilgerstrecke – wo sich gleich der nächste Abstecher anbietet: Die Rue de l’Olive führt, vorbei an der empfehlenswerten Weinhandlung en vrac, in der man auch gut und günstig essen kann, zu einer prachtvollen Markthalle. Wer durstig geworden ist und Geld sparen will, kann gleich dahinter, im Square de la Madone, seine Trinkflasche gratis auffüllen: Ein Brunnen spendet Quellwasser aus 719 Metern Tiefe.

Wie dringend man die Erfrischung benötigt, ist auch eine Gewissensfrage: Nach etwa 500 Metern durch die eher unspektakuläre Rue de la Chapelle endet der Pariser Abschnitt des Pilgerwegs an der Porte de la Chapelle vor einer Bushaltestelle der Linie 153. Zwei Möglichkeiten, ihn fortzusetzen, bieten sich nun an: Entweder man marschiert zu Fuß unter dem Périphérique hindurch und dann eine Stunde lang die Avenue du Président Wilson entlang, immer der Nordautobahn nach. Nicht lustig, aber konsequente Pilger machen das wohl so. Alle anderen steigen in den Bus – wenn die RATP nicht gerade streikt.

Tipps

Witzig: Türdeko von cocoboheme.fr
Gut: Brot aus der Bäckerei Chez Meunier.

Biobäckerei Chez Meunier: 181, rue Saint Denis
Bäckerei Dheilly: 6 rue des Halles
Epicerie de la cour: 6, cour des Petites Écuries
Flo: 7 cour des Petites Écuries
Krishna Bhavan: 2, rue Cail
Cocobohème: 22 rue Jessaint
FGO Barbara: 1 rue de Fleury
Brasserie de la goutte d’or: 28, rue de la goutte d’or
Centre des Cultures d’Islam: 56 rue Stephenson
Lomi Café: 3ter rue Marcadet
En vrac: 2, rue de l’Olive

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