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Wiens einfältige Dreifaltigkeit

10/03/2016

Eine NZZ-Glosse zum Thema „Vienna ugly“ vs. WKW:

Wiens Bürokraten
Einfältige Dreifaltigkeit

Eugene Quinn liebt Wien. Das tun viele, aber Eugene hat einen anderen Grund als die meisten: Diese Stadt kann so wunderbar hässlich sein! «Beauty can be boring, but ugly never is», lautet das Credo von Quinn, der mit dem nervigen Getue um Sachertorte, Lipizzaner, Sisi und Co. nichts anfangen kann. Und weil der weitgereiste Brite mit den perfekten Manieren, der der Liebe wegen in Wien hängengeblieben ist, so gut über das Hässliche in der Stadt sprechen kann, hat er kurzerhand einen Beruf daraus gemacht: Seit einigen Monaten bietet er eine «Vienna ugly tour» an, die bei Touristen und Wienern gleichermassen beliebt ist. Sogar im burmesischen Fernsehen war Eugene zu sehen, in grellen Müllmännerhosen auf ein Gebäude hinweisend, dessen Fassade überdimensionale Spermien zieren.

«Jo, derf der denn des?», lautet die dem gelernten Wiener nächstliegende Frage. Reisegruppen durch die Stadt zu führen, erlaubt die österreichische Gewerbeordnung, die manche streng, andere veraltet finden, schliesslich nur staatlich geprüften Fremdenführern, die 4600 Euro und zwei Jahre Lebenszeit in die entsprechende Ausbildung investiert haben. Ein ungewöhnlich freundlich wiehernder Amtsschimmel fand eine Lösung: Solange er keine «richtigen» Sehenswürdigkeiten zeigt, gelten Quinns Spaziergänge auch nicht als Konkurrenz für «richtige» Fremdenführer. Diese liefen Sturm gegen das Gentleman’s Agreement: Man stelle sich vor, ein japanischer Tourist, der Schönbrunn besichtigen will, steht stattdessen vor dem Spermienhaus. Ein touristischer Super-GAU!

Dann machte Quinn einen Fehler: Er nahm eine zweite Tour ins Programm, mit dem Titel «Why Vienna is the best city in the world to live in». Mit dieser Aussage ging er entschieden zu weit: Man kann sie zwar in beliebig vielen Städte-Rankings nachlesen – sie im öffentlichen Raum laut vor einer Gruppe zu machen, ist hingegen nur Wiens offiziellen Fremdenführern gestattet. Eine Strafe wegen Missachtung der Gewerbeordnung und eine Abmahnung wegen unlauteren Wettbewerbs flatterten Quinn ins Haus. Verstehen kann er das nicht, was auf seine mangelnde Integration hinweist: Wer den austriakischen Alltag konfliktfrei bewältigen will, tut gut daran, einige Grundregeln zu verinnerlichen, die stets in Dreisätzen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die erste dieser Satzreihen lautet «Hamma net – kennma net – brauchma net», Reihenfolge beliebig. Schritt zwei, schon anspruchsvoller: «Des war scho immer so. Des war no nie so. Do könnt ja jeder kommen.»

Wer diese Sätze treffsicher zu verwenden versteht, ist reif für die Erwerbstätigkeit, wo die alle anderen krönende dritte Dreifaltigkeit auf ihn wartet: Arbeiterkammer – Wirtschaftskammer – Landwirtschaftskammer. So gut wie jeder Erwerbstätige in Österreich ist Pflichtmitglied einer dieser Interessenvertretungen, das ist sogar in der Verfassung so festgeschrieben. Dass die Wirtschaftskammer vom gutmütigen Amtsschimmel zum beisswütigen Lipizzaner geworden ist, hat neben den gewerberechtlichen auch handfeste Gründe: Auf seiner Website www.spaceandplace.at hat Eugene Quinn ein kleines Manifest namens «Rebellious optimism» veröffentlicht, das die Wiener zu mehr Spontaneität, weniger Angst und vor allem weniger Grant aufruft. Mit anderen Worten: Er nimmt Wiens immaterielles Weltkulturerbe ins Visier. Dass die Touristiker nervös wurden und das Imperium des Grants mit aller Macht zurückschlägt, wird niemanden überraschen. Do könnt ja wirklich jeder kommen.

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