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Terror im Kinderzimmer

03/12/2015

Hier ein gemeinsam mit Birgit Wittstock geschriebener Artikel, erschienen im Falter 48/15: 

Terror im Kinderzimmer

Manche Eltern schweigen, andere reden darüber. Wie erklärt man Kindern die Anschläge von Paris?

von BIRGIT WITTSTOCK, GEORG RENÖCKL | aus FALTER 48/15

Illustration: Bianca Tschaikner

Illustration: Bianca Tschaikner

Es hätte ein unbeschwerter Start ins Wochenende werden sollen, mit Schulfreundinnen, Saft, Kuchen und Kinderdisco. Doch die Terroranschläge von Paris überschatteten auch die Pyjamaparty, von der Eva und Christoph ihre beiden Töchter am nächsten Tag abholten. Die Schwestern, sieben und neun Jahre alt, begrüßten ihre Eltern mit der Frage „Warum haben die das gemacht?“

Die Warum-Frage hat Fabian seinen Eltern nicht gestellt. Der Zweitklässler wollte zwar wissen, was das für Bilder seien, die seine Eltern da im Internet anschauen, und sie erzählten ihm dann, was in Paris passiert war. Weiter nachgefragt hat er nicht. Fabians Mutter war erleichtert. Wie soll man einem Kind auch erklären, was Radikalisierung ist und welche Verantwortung der Westen dabei hat?

„Niemand hat den Durchblick, was also den Kindern erzählen? Die eigenen Vorurteile?“, meint auch der dreifache Vater Oliver. Er ist heilfroh, dass der Pariser Terror in der Schule seiner Kinder nicht besprochen wurde und hofft, dass sie nichts von den Attentaten des 13. November erfahren.

Anita sieht das anders. Sie hat mit ihrer zehnjährigen Tochter überlegt, wie man sich am besten vor einem Anschlag aus dem Hinterhalt schützt. Laufen sollte man immer können, fanden sie und treiben nun regelmäßig Sport, um in Zeiten wie diesen fit zu bleiben.

Vier Wiener Familien mit Kindern im Volksschulalter, vier Arten des Umgangs mit den jüngsten Terroranschlägen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Geht es nach Brigitte Rollett, Grande Dame der Entwicklungspsychologie an der Uni Wien, machen sie es alle irgendwie richtig: „Je mehr man Kinder in Angst und Schrecken versetzt, desto schlechter“, sagt sie. Für Rollett werden Kinder heute zu oft mit Bildern und Nachrichten konfrontiert, die sie überfordern. Dazu kommt die Tendenz vieler Eltern, mit kleinen Kindern zu komplexe Sachverhalte erläutern zu wollen. „Hilft es der Welt, wenn Kinder sich schlecht entwickeln, das aber auf politisch korrekte Weise?“, fragt sich die emeritierte Professorin.

Oberste Priorität hat für sie das Senken der Angst, dafür empfiehlt sie einfache Maßnahmen. Etwa Kindern Gewalt auf eine Weise zu erklären, die sie verstehen können, nach dem Motto: „Streit hat es immer schon gegeben, ihr streitet ja auch.“ Ein sechsjähriges Kind weiß immerhin auch, dass man nicht zuschlagen darf, sondern reden muss, um ein Problem zu lösen. Vielen Kindern hilft es auch, darüber zu sprechen, was im Ernstfall zu tun ist: weglaufen zum Beispiel, wenn eine Situation gefährlich aussieht. Besonders wichtig findet Rollett, dass Kinder aktiv etwas gegen das Leid und das Böse unternehmen können, vom gespendeten Taschengeld-Euro über die gemeinsam gefüllte Schuhschachtel mit Weihnachtsgeschenken für Kriegsflüchtlinge bis zur für den guten Zweck am Elternsprechtag verkauften selbstgemalten Grußkarte.

Auch Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien, würde gar nicht erst versuchen, Kindern den Terror verständlich zu machen. „Terrorismus ist unvernünftig, und Unvernünftiges kann man nicht vernünftig erklären.“

Damit Kinder lernen, mit den Informationen umzugehen, sei es jedoch wichtig, dass deren Eltern die Informationen zuerst verstehen. Andernfalls kann kein Austausch stattfinden. Bei Anschlägen wie jenen 2001 auf das New Yorker World Trade Center, 2005 auf die Londoner U-Bahn oder den jüngsten in Paris sei das primäre Ziel der Terroristen, „mediale Aufmerksamkeit zu produzieren“. Die Toten sind dabei nicht mehr als ein Kollateralschaden, Mittel zum Zweck. „Das kann man Kindern einfach und gut erklären“, sagt Swertz.

Die „Lösung“, Kinder zu schützen, indem man nicht darüber spricht, funktioniere hingegen nicht. „Das wäre unsinnig, weil sie sich dann keine Meinung bilden könnten“, sagt Swertz. Und außerdem Absicht der Terroristen. „Wenn man fähig ist, selbst zu urteilen, ist man von jeglicher Art des Fundamentalismus weit entfernt.“

Das Internet hat nicht nur das Angebot an zugänglichen Informationen extrem vergrößert, es verlangt auch nach einem eigenverantwortlicheren Umgang als Massenmedien. Deshalb ist Medienkompetenz in Zeiten, in denen sich viele Jugendliche via Websites und Social Media radikalisieren, besonders wichtig. Für Kinder und für Eltern. Swertz sieht die Schulen in der Pflicht, die Urteilsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu fördern.

Medienkunde als eigenes Unterrichtsfach gibt es bislang jedoch nicht an den Wiener Schulen. Medienerziehung finde stattdessen fächerübergreifend in Form von Schwerpunkten und Workshops statt, erklärt Kurt Nekula, Sektionschef im Bildungsministerium. Auch gibt es vonseiten des Bildungsministeriums keine konkreten Anleitungen für Pädagogen, wie auf Ausnahmesituationen wie die Terroranschläge von Paris zu reagieren ist. Man habe aber im vergangenen Jahr Informationsmaterial zum Thema Deradikalisierung erarbeitet, einen Folder herausgegeben, und es gebe laufend Fortbildungsmaßnahmen für Lehrerinnen und Lehrer. Auch die Schulpsychologen seien in Sachen interkultureller Fragestellung speziell geschult, sagt Nekula.

Was die aktuellen Anschläge betrifft, so bleibt es den Lehrerinnen und Lehrern selbst überlassen, wie sie mit dem Thema umgehen. Manche besprechen die Geschehnisse, andere schweigen und fahren mit dem Unterricht fort, als wäre nichts passiert.

An der Schule des neunjährigen Vitus hat die Lehrerin die dritte und vierte Klasse am Montag nach den Anschlägen zur Seite genommen. „Sie hat uns gefragt: ‚Wie war das für euch?‘“, erzählt Vitus. Die meisten Kinder aus seiner Klasse würden sich keine Sorgen machen, nur eines hat Angst: „Vor dem Tod, und dass es auch bei uns so schlimm enden könnte wie in Paris.“

„Kinder sind oft sprunghaft in der Verarbeitung, einmal scheinbar wenig beeinträchtigt und im nächsten Moment voller Ängste. Erwachsene sollten das verstehen und die Kinder entsprechend begleiten“, meint dazu Claudius Stein, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Kriseninterventionszentrums Wien.

Es sei vor allem wichtig, Kinder mit den Bildern und Informationen, die auf sie einströmen, nicht alleine zu lassen und sie möglichst dosiert mit den Eindrücken zu konfrontieren, sagt Stein. „Das heißt, besonders darauf zu achten, wie viel und welche Informationen die Kinder bekommen, und mit ihnen darüber zu sprechen.“ Vor allem kleinen Kindern kann man außerdem helfen, indem man mit ihnen spielt oder zeichnet, oft verarbeiten sie etwas auf diese Art leichter.

Und was ist, wenn der Tod wirklich ganz nahe kommt? „Es hätte auch deinen Papa erwischen können“, hörte Clara am Montag nach den Terroranschlägen in der Schule. Die Volksschülerin lebt mit ihrer Familie im Pariser Vorort Nanterre. Ihr Vater Miguel war als Zuschauer im Stade de France, als sich vor dem Stadion drei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten.

Die Eltern versuchen, sich ihre Sorgen nicht anmerken zu lassen. Sie überlegen aber, aus dem Großraum Paris wegzuziehen: Hartnäckig hält sich das von der Nachrichtenagentur Reuters in die Welt gesetzte, aber bisher unbestätigte Gerücht, ein im letzten Moment vereitelter weiterer Terroranschlag habe dem Hochhausviertel La Défense gegolten – genau eine S-Bahn-Station von Nanterre entfernt. Direkter vom Pariser Terror betroffen als die meisten österreichischen Kinder sind auch die Schüler des Lycée français de Vienne. Paris ist für sie ein wichtiger Bezugspunkt, viele haben dort Freunde und Verwandte oder verbringen dort regelmäßig ein paar Ferientage.

Tatsächlich hört Jeannette Chakkal, Deutschlehrerin und Schülerberaterin am Lycée, dieser Tage oft den Satz: „Das hätte auch mir passieren können.“ Bedroht fühlen sich die Schüler ihrer Meinung nach trotzdem nicht, auch wenn ständig eine Gruppe Polizisten mit Hund gut sichtbar vor dem Eingang der Schule patrouilliert. Der beliebte „Hinterausgang“ über den Park des Palais Clam-Gallas ist aus Sicherheitsgründen geschlossen, auch Oberstufenschüler dürfen das Gebäude in den Pausen nun nicht mehr verlassen. Schulveranstaltungen wurden bis auf Weiteres abgesagt.

Von Panik kann dennoch keine Rede sein: „Die Kinder nehmen das viel gelassener als wir Erwachsene“, meint Chakkal. „Ein wenig Aufregung gab es schon, aber nur bei den Kleineren. Die Großen haben so viel für die Schule zu tun, dass sie gar nicht dazu kommen, sich Sorgen zu machen.“

Diese Art der Ablenkung mag auf den ersten Blick etwas unsensibel wirken. Sie entspricht aber ziemlich genau dem guten Rat, den auch P’tit Libé, die Kinderausgabe der französischen Tageszeitung Libération, ihren Lesern zum Umgang mit Terrorismus mitgibt. „Ce qui est le plus utile pour ne pas laisser gagner les terroristes, c’est de continuer à vivre normalement“ – „Die beste Methode, um die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, ist es, ganz normal weiterzuleben.“

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From → Eltern Kind, Falter

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