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Die Verwandlung der Welt

07/11/2015

Die Verwandlung der Welt
An den Wiener Erich-Fried-Tagen trafen sich Christoph Ransmayr und der Nobelpreisträger V. S. Naipaul zu einem berührenden Gespräch über die Angst beim Schreiben und die Passion des Gestaltens.
Nein, nicht die zunächst befürchtete Nasensonde, sondern bloss ein straff auf die Wange geklebtes Mikrofon schnitt ins Gesicht des grossen alten Mannes, der im Rollstuhl auf die Bühne gefahren wurde. Von dort aus bat er zwar um Verständnis für die eine oder andere Nachdenkpause, doch waren es formvollendet geschliffene Bonmots, die der Mann im Rollstuhl einem enthusiasmierten Publikum zwischen diesen Pausen darbot. V. S. Naipaul war in Wien, zum ersten Mal und in bester Gesellschaft: Auf der Bühne des gut besuchten Akademietheaters sass dem 1932 in Trinidad geborenen Literaturnobelpreisträger der österreichische Weltenbürger Christoph Ransmayr gegenüber. Gemeinsam eröffneten sie die unter dem Motto «Facts & Fiction. Literarische Reportagen» stehenden Erich-Fried-Tage, die heuer auf Einladung von Burg-Chefin Karin Bergmann erstmals seit zehn Jahren wieder teilweise im Akademietheater stattfinden.

Fest der Literatur

Nicht nur die Eröffnung, bei der auch im Publikum viel literarische Prominenz zu sehen war, auch die übrigen Veranstaltungen dieses Festivals sind hochkarätig besetzt: Europapremieren sind etwa die Lesungen des Amerikaners William T. Vollmann, der einen vieldiskutierten Roman über einen der letzten nordamerikanischen Indianerkriege veröffentlicht hat, und seines Landsmannes Phil Klay, der für seine Kurzgeschichten über den Irakkrieg oft in eine Reihe mit Remarque und Hemingway gestellt wird. Die preisgekrönten Reporter Martin Pollack aus Österreich und Angelika Kuźniak aus Polen, der Franzose Pierre Alféri, der im deutschen Exil lebende chinesische Autor Liao Yiwu oder Lukas Bärfuss sind nur einige der vielen weiteren Namen, die diese Tage zu einem herausragenden Fest der Literatur machen.

In eigenen Schwerpunkten geht es dabei neben «klassischen» Reportagen auch um Kriegsberichterstattung, Graphic Novel und Film. Höhepunkt ist die Verleihung des 15 000 Euro schweren Erich-Fried-Preises an die junge Schweizer Autorin Dorothee Elmiger («Einladung an die Waghalsigen», «Schlafgänger»), die vom alleinigen Juror Reto Hänny für ihr Vermögen gelobt wird, «die brennenden Zeitfragen in eine poetische Prosa umzusetzen, die einen in der literarischen Welt neuen, unerhörten Klang anschlägt».

Brennende Zeitfragen waren es auch, die den Eröffnungsabend im Wiener Akademietheater rahmten: «So viel Geschichte wie jetzt war zuletzt 1989», meinte etwa der Wiener Kulturstadtrat in seiner Rede, in die der gerade auf Höchsttouren laufende und von der Flüchtlingskrise gehörig durcheinandergewirbelte Wiener Wahlkampf hineinragte. Auch Kulturminister Ostermayr holte mit dem Hinweis, dass Rohheit und Barbarei nicht nur fürchterlich, sondern – wegen des Mangels an Vorstellungskraft, die sie offenbarten – auch lächerlich seien, die bewegte Gegenwart ins Akademietheater.

Randbemerkungen

Im darauffolgenden Gespräch erzählte «Sir Vidia» Naipaul von seinen Ängsten als junger Autor, zu wenig Material vorzufinden, bis zum Moment, an dem er wusste: «Somehow I will always be able to write a book.» Für den roten Faden sorgte dabei Christoph Ransmayr, der zunächst – wohl inspiriert vom Genius Loci – nur den «Dritten Mann» auf der Bühne geben wollte: Den Zuhörer nämlich, den es neben Moderator und Autor auch noch braucht. In klugen «Randbemerkungen» dachte er laut über die Verwandlung der Welt in Wörter nach oder die Bedeutung, die das Lesen, Zuhören und Nachdenken für das Erzählen haben. Erst dadurch kann man schliesslich zu einer Meisterschaft gelangen, die Naipaul so definiert: «You can’t write about things twice. You write once and it’s done.»

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