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Das österreichische Literaturmuseum: Glücksfall und Wurf

07/05/2015

Wien hat eine neue Sehenswürdigkeit: Ein großartiges Literaturmuseum, hier für die NZZ besucht:

Das neue österreichische Literaturmuseum in Wien

Glücksfall und Wurf

Georg Renöckl 6.5.2015, 05:30 Uhr

Besonders hoch spritzte das Germanistenblut stets dann, wenn es um das Verhältnis von «österreichischer» und «deutscher» (oder «deutschsprachiger»?) Literatur ging oder gar um die Frage, unter welchem Etikett Kafka, Rilke oder Canetti einzuordnen seien. Der alte Streit dürfte an Schärfe verloren haben, scheint es doch heute kaum noch denkbar, etwa einer Anthologie «von Arthur Schnitzler bis Robert Musil» den Titel «Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts» zu verpassen, wie es einst Marcel Reich-Ranicki tat. Und jetzt gibt es auch noch ein österreichisches Literaturmuseum  – offenbar ist es schon dämmrig über den papierenen Schlachtfeldern geworden, und die Eulen der Minerva können ausschwärmen.

Bei der Vorgeschichte dieses Museums spielen so viele Glücksfälle ineinander, dass man von einer Fügung sprechen könnte: Als das österreichische Verwaltungsarchiv 2006 seine Bestände zusammenlegte, wurde ein denkmalgeschütztes Biedermeiergebäude in der Wiener Innenstadt frei – die ehemalige kaiserlich-königliche Hofkammer, in der bis dahin die Finanzakten der Habsburgermonarchie aufbewahrt worden waren. Franz Grillparzer, seiner Abneigung gegen alles Nationale zum Trotz gern als «österreichischer Nationaldichter» vereinnahmt, war von 1832 bis 1856 Direktor des Hauses und Herr über dreissig Millionen handgeschriebene Akten, per «k. k. Aktenknoten» zu stattlichen Faszikeln gebündelt.

Im Innern von Wien

Die Einrichtung aus Grillparzers Zeiten ist im Originalzustand erhalten und ebenfalls denkmalgeschützt, was die auch angedachte Umwidmung des Gebäudes zu Wohnzwecken verhinderte. «Die gedrechselten und bemalten Holzregale [. . .], der Geruch von altem Papier und die Grösse der Räume, die sich scheinbar ins Unendliche fortpflanzen, wie manche Säle von Schlössern in raffinierten Spiegelkonstruktionen, lassen an Franz Kafka denken», schrieb Gerhard Roth im Zuge seiner «Entdeckungen im Inneren von Wien» über das Haus, das er noch vor dem Auszug des Archivs besucht hatte.

Kann es einen passenderen Ort für ein österreichisches Literaturmuseum geben, und kann dieses Haus stimmiger genützt werden als eben zu diesem Zweck? Tatsächlich wurde dem Traum, der auf den viel zu früh verstorbenen Wiener Germanisten-Doyen Wendelin Schmidt-Dengler zurückgeht, nun Leben eingehaucht: Mitte April öffnete das österreichische Literaturmuseum im «Grillparzerhaus» seine Pforten.

Wie es sich für ein Museum gehört, sind dort allerlei Devotionalien zu besichtigen, die im Betrachter Gemütszustände von Verzückung bis Erheiterung auslösen können, etwa ein Krauthobel aus der Küchenlade Adalbert Stifters, Heimito von Doderers Morgenmantel, Peter Handkes Wanderschuhe oder ein Regiestuhl, auf dem Ernst Jandl gesessen ist. Doch natürlich geht es hier nicht nur um mehr oder weniger auratische Gegenstände, sondern vor allem um die viel schwerer einzufangende «Vielfalt und Vielstimmigkeit» der österreichischen Literatur, die abzubilden und erfahrbar zu machen Bernhard Fetz unternommen hat, der neben dem österreichischen Literaturarchiv nun auch das der Nationalbibliothek zugeordnete Literaturmuseum leitet.

Ein paar zentrale Elemente des spezifisch Österreichischen an dieser Literatur werden im Eingangsbereich aufgelistet, ihre enge Verbindung zur Musik und zu allen Formen des Theatralischen, ihre Neigung zu Groteske, Satire und Polemik sowie das seit je für Dynamik sorgende Dramadreieck Wien – Provinz – Deutschland. Auf einer gekonnt gemachten Videowall zieht eine Kafka-Lesung in Gebärdensprache den Eintretenden in ihren Bann, eine abgedunkelte Hörkabine sorgt für die sprichwörtliche Ein-Stimmung mit Lesungen von Thomas Bernhard, Marlene Streeruwitz und Co. Hier möchte man schon verweilen und sich dem Hörgenuss hingeben, doch die Dauerausstellung beginnt erst im Raum danach, zwischen den leer geräumten und geschickt neu bestückten Regalwänden des ehemaligen Archivs rund um das unveränderte Grillparzer-Arbeitszimmer. Über dem Eingang prangt ein Zitat des 1811 verstorbenen Aufklärers Friedrich Nicolai: «Österreich hat uns noch keinen einzigen Schriftsteller gegeben, der die Aufmerksamkeit des übrigen Deutschlandes verdienet hätte.»

Das sollte sich bald ändern, mit Johann Nestroy, Ferdinand Raimund und Franz Grillparzer lassen die Ausstellungsmacher ihren Rundgang durch die österreichische Literaturgeschichte beginnen. Das Konzept legt eher heiteres Spazieren nahe als ehrfurchtsvolles Pilgern, dafür sorgen neben der abwechslungsreichen Ausstellungsarchitektur auch die schwungvoll gehaltenen Texte zu den Autoren: Grillparzer werde «viel gelobt und wenig gelesen», Stifter «war dem 19. Jahrhundert voraus, ohne beim Publikum des 20. Jahrhunderts jemals recht angekommen zu sein».

Unbewältigbar viel Material

Die Chronologie dient der Orientierung, übt aber keinen Zwang aus: Längsschnitte durch die Literaturgeschichte mögen, wie beim Thema «Das Dorf», bei Marie von Ebner-Eschenbach beginnen, führen dann aber bis zu Felix Mitterers «Piefke-Saga», Thomas Bernhards «Frost», den «villgratener texten» Ernst Jandls oder Gert Jonkes «Geometrischem Heimatroman». Um eine Kanondiskussion zu vermeiden, hat man sich für einen thematischen Zugang entschieden: Selbst Grössen wie Thomas Bernhard oder Ingeborg Bachmann sind keine eigenen Stationen zugeordnet, sie begegnen einander aber unter der Überschrift «Todesarten» – das Sichtbarmachen von Korrespondenzen und Brüchen ist eines der Hauptanliegen von Fetz.

Wie Labestationen sind Kopfhörer über die Ausstellung verteilt, an denen entweder die Autoren selbst oder Schauspieler die Texte derjenigen sprechen, deren Briefe, Skizzen oder Manuskripte man gerade vor Augen hat. Ein am Eingang ausgehändigtes iPad ergänzt die Ausstellung mit Hintergrundinformationen, Filmen, weiteren Hörtexten oder auch einem kollektiven Schreibexperiment: Wer Lust verspürt, den Anfang von Romanen wie Musils «Mann ohne Eigenschaften» oder Ingeborg Bachmanns «Malina» auf seine Weise fortzusetzen, kann sich hier austoben. Nicht nur die unbewältigbar vielen Stunden an Material, die man auf dem iPad zurücklässt, sind ein Grund, wiederzukommen: Von der überaus lebendigen Art der Musealisierung, die der österreichischen Literatur hier widerfährt, bekommt man bei nur einem Besuch sicher nicht genug.

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