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Hände gut, alles gut

17/10/2014

Brennerova –  der beste Brenner-Krimi seit 2009, hier in der NZZ besprochen: 

 

Wolf Haas‘ neuer Roman «Brennerova»

Hände gut, alles gut

Georg Renöckl 15.10.2014, 05:30 Uhr

Mit  Wolf Haas ist nicht gut Strassenbahn fahren. Die Geräusche, die man unweigerlich beim Versuch von sich gibt, das eine oder andere laute Auflachen zu unterdrücken, machen einen zur Zielscheibe neugieriger Blicke, und höchstwahrscheinlich sieht man gerade nicht gut aus. Befindet man sich bei der Lektüre in Wien und fällt der Blick auf eines der dort gerade omnipräsenten Unfallversicherungs-Plakate mit dem Slogan «Hände gut, alles gut», ist die Realität endgültig im Roman angekommen, während sich die Selbstbeherrschung verabschiedet. Schliesslich spielen Hände in diesem Roman eine ganz entscheidende Rolle, nur von «alles gut» kann bei gleich vier abgehackten Exemplaren eher nicht die Rede sein. Und welcher Krimileser glaubt schon an Zufälle?

Es kommt, was kommen muss

Auch «Liebe ist kein Zufall», wie Internet-Partneragenturen wissen und werben. Simon Brenner, Wolf Haas‘ ziel- und beschäftigungsloser Ex-Polizist, ist jedoch viel zu abgebrüht, um überhaupt noch an die Liebe zu glauben. Er lebt in einer angenehm routinierten Beziehung mit einer zwangspensionierten Lehrerin, «die grosse Liebe war es nicht, nach mehreren Wochen immer noch kein böses Wort, kein Schreiduell, kein Würgemal, aber der Brenner trotzdem sehr zufrieden, sprich Altersweisheit». Das Profil bei einer auf russische Frauen spezialisierten Online-Agentur hat er bloss aus Langeweile angelegt. «Rein zur Unterhaltung! Ohne jede Absicht!»

Es kommt, was kommen muss, und ein paar Seiten später kehrt Brenner von seinem Kurztrip nach Nischni Nowgorod auch schon wieder nach Wien zurück, übel zugerichtet von einer Kinderbande, dafür bis über beide Ohren verliebt in eine bezaubernde Russin, deren verschollene Schwester er nun mittels Foto in Wiens Rotlichtszene sucht.

Nicht nur Brenner, mit dessen Altersweisheit es nicht weit her ist, hat sich in einen Parade- «Frauentränenumfaller» verwandelt, der zwar Probleme mit den Ohren hat, dafür aber sensibel auf den Geruch von Tränen reagiert. Auch der unverwüstliche Erzähler, den Wolf Haas bereits einmal sterben liess, um ihn zwei Romane später zumindest partiell wieder zum Leben zu erwecken («Meine Grossmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen»), hat sich im Lauf der mittlerweile siebenteiligen «Brenner»-Serie kontinuierlich weiterentwickelt. Seinen Trend zu prädikatlosen Sätzen lebt er noch hemmungsloser aus, und bei der Fähigkeit, Dinge gleichermassen ausgefuchst philosophisch wie besserwisserisch bodenständig auf den Punkt zu bringen, hat er es zur unerreichbaren Meisterschaft gebracht. Ob «die Frauenträne [ist] natürlich die Achillesferse des Mannes an und für sich, da gibt es gar nichts» oder «Weil nie ist der Mann edler, als wenn er eine Frau vor solchen Typen beschützen möchte wie sich selbst» – seitenweise möchte man dieses untote Plappermaul zitieren, das Tiefschürfendes und Boshaftes zu einem homogenen Brei zerkaut, dessen ursprüngliche Bestandteile man beim Lesen nicht mehr auseinanderhalten kann.

Erhabene Komik

Von der schwarzen Folklore der frühen Krimis, als Wolf Haas die schrullig-brutalen Absonderlichkeiten Österreichs als Hintergrund für seine Szenarien nützte und schon einmal Touristen im Sessellift erfrieren und Leichenteile in Backhendlstationen panieren liess, ist hier wenig übrig geblieben, Brenner dafür längst in der gesellschaftlichen Realität angekommen. Stellte der Erzähler im 2009 erschienenen Roman «Der Brenner und der liebe Gott» die Scheinheiligkeit militanter Abtreibungsgegner bloss, so führt «Brennerova» nun ins sumpfige, an Untiefen reiche Gebiet der Debatte um den Umgang mit Prostitution, freilich ohne seine Leser an ein sicheres Ufer zu bringen. Was gut und böse, was lächerlich und was ernst zu nehmen ist, verschwimmt, und «nur die Leute, die sich immer überall hundertprozentig sicher sind, irren sich hundertprozentig, das ist die einzige Ausnahme». Da ist Widerspruch wieder einmal zwecklos.

Vom lustvoll drastisch geschilderten Machtkampf in Wiens Rotlichtvierteln bricht Brenner schliesslich zu einem der erzählerischen Höhepunkte des Romans auf: Mit einer alten Ural-Beiwagenmaschine durchquert er die Mongolei, aufgrund der schlec hten Fahrbahnverhältnisse wie in Zeitlupe, dafür mit einigen Millionen Dollar Lösegeld im Beiwagen, ständig bedroht von der Gefahr, in den Flussläufen, die die mongolische Autobahn unterbrechen, abgetrieben zu werden oder das lebensnotwendige Gefährt samt dem Geld zu verlieren – ein Bild von erhabener Komik. Und für die hat Wolf Haas nun mal ein Händchen, ein eiskaltes.

From → NZZ, Rezensionen

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