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Schöne alte Welt

30/09/2013

Was wäre gewesen, wenn es das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo nicht gegeben hätte und mit dem Ersten Weltkrieg auch der Sowjetkommunismus und der Nationalsozialismus ausgefallen wären? Hannes Stein spielt das reizvolle Szenario in seinem Roman «Der Komet» durch. Mehr dazu hier in der NZZ. 
 
Georg Renöckl

Dass Wiener Taxifahrer weder zu übertriebener Philanthropie noch zu besonderer sonstiger Freundlichkeit neigen, zählt zu den vertrauteren Wiener Gegebenheiten in diesem Roman. Befremdlich wirkt hingegen, dass der Taxler, der einen österreichischen Astrophysiker zum Flughafen Wien-Schwechat bringt, nicht nur über hohe Steuern und korrupte Politiker schimpft, sondern auch über «blöde Erzherzöge» – kurz vor der letzten Jahrtausendwende, wohlgemerkt.

Expansion bis zum Mond

Auch der Fahrgast ist etwas grantig: Als österreichischer Spitzenbeamter, der sich im Großteil Europas frei bewegen kann, empfindet es Geheimrat David Gottlieb als Demütigung, seinen kaiserlich-königlichen Reisepass bei einer Grenzkontrolle vorweisen zu müssen – doch der Mond, zu dem er von Schwechat aus aufzubrechen gedenkt, wurde nun einmal ausgerechnet von den Preußen kolonisiert. Dem deutschen Kaiserreich war angesichts übermächtiger Nachbarn wie des französischen Kolonialreichs, des britischen Empire, des Zarenreichs und eben Österreich-Ungarns nichts anderes übrig geblieben, als außerhalb der Erde zu expandieren.

Wie die Welt wohl aussehen würde, hätte sich Europa im 20. Jahrhundert nicht selbst zerfleischt? Recht lustig, zumindest im Roman «Der Komet» des deutschen Journalisten und Autors Hannes Stein. Naturgemäß auch ziemlich anders, als wir es gewöhnt sind: Die USA sind eine Art «Schweiz von der Größe eines Kontinents», ein in außenpolitischen Fragen strikt neutrales «Land der Kuhhirten und Indianer». Die Entkolonialisierung hat nicht stattgefunden, an der Spitze Frankreichs, einer der drei europäischen Republiken (neben der Eidgenossenschaft und San Marino), steht dafür ein schwarzer Präsident.

Doch das alles ist Peripherie: Unbestrittenes Zentrum dieser schrägen alt-neuen Welt ist die österreichisch-ungarische Metropole Wien, ein weltoffener, stark jüdisch geprägter Melting Pot. Dort beginnt die lebenslustige Frau des zum Mond aufgebrochenen David Gottlieb gerade eine Affäre mit einem russischstämmigen Studenten, Kaffeehauskultur und Psychoanalyse blühen unter dem freundlichen Kaiser Franz Joseph II. wie hundert Jahre zuvor, alles wäre perfekt – würde nicht frei nach Nestroy ein Komet auf die Erde zurasen und Österreich-Ungarn genauso auszulöschen drohen wie die restliche Menschheit.

Etwas zu gemütlich

Freilich ist es ein etwas gar zu gemütliches Österreich, das Hannes Stein, wenn auch mit Ablaufdatum, weiter- und hochleben lässt: Nationalitätenkonflikte gab es demnach nur in der ungarischen Reichshälfte, gelöst wurden sie dank der Neuorganisation des Staatswesens durch Kaiser Franz II., den vormaligen Erzherzog Franz Ferdinand. Der im 19. Jahrhundert angewachsene Hass, mit dem im österreichischen Teil der Monarchie Deutschsprachige und Tschechen, Slowenen oder Italiener einander gegenüberstanden, bleibt ausgeblendet. Auch die Neigung des Erzählers, die Fehler und Verbrechen des 20. Jahrhunderts allzu plakativ wiedergutzumachen, trübt das Lesevergnügen etwas: Anne Frank ist Nobelpreisträgerin für Literatur, Sarajevo berühmt für seine reichhaltige Bibliothek, Armenier stellen die Spitzendiplomaten des wie eh und je dahinsiechenden Osmanischen Reichs. Der Kommentarteil erklärt dann auch noch, was wirklich geschah, was sich so liest, wie sich umständliche Erklärungen von Pointen nun einmal lesen.

Und doch: Es wäre wohl tatsächlich eine unbemerkte Sternstunde der Menschheit gewesen, hätte Erzherzog Franz Ferdinand vor 99 Jahren seinen Konvoi nach dem missglückten ersten Attentatsversuch wie im Roman mit dem schönen Satz «I bin doch net deppat, i fohr wieder z Haus» anhalten und wenden lassen. Als heiter-nachdenkliche Einstimmung auf den anstehenden Publikationsreigen zum 100-Jahr-Jubiläum der Schüsse von Sarajevo und ihrer Folgen kommt Hannes Steins «Komet» gerade recht.

Hannes Stein: Der Komet. Roman. Galiani-Verlag, Berlin 2013. 272 S., Fr. 26.80.

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From → NZZ, Rezensionen

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