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Europas Herzensangelegenheit

07/10/2012

Straßburg natürlich. So hätte ich den Artikel jedenfalls genannt, erschienen ist er am Samstag in der „Presse“.  Also hier.

 

Oder hier:

Europas Herzensangelegenheit

Schluss mit bieder – Straßburg präsentiert sich heute bunt, quirlig und am Puls der Zeit

Vorurteile haben es schwer in Straßburg. Zwar gibt es dort nach wie vor viel altes Fachwerk, riesige Sauerkraut-Portionen und deutsche Touristenbusse. Doch die Elsässer Hauptstadt ist längst nicht mehr das pittoreske alte Städtchen am Rande Frankreichs, das man mit einer Busreise durch den Schwarzwald auch noch schnell abhakt. Straßburg hat sich zur kleinen, aber pulsierenden europäischen Metropole gemausert, die jedem vergilbten Klischee mindestens ein farbfrisches Gegenbild entgegenhält.

 Dass es mit der behäbigen Elsässer Gemütlichkeit irgendwie vorbei ist, merkt man schon bei der Anreise: Ratterte man früher gemächlich-stilvoll mit dem Nachtzug in Richtung Frankreich, rückt ein Air-France-Direktflug die Stadt seit Juli auf die Distanz einer guten Flugstunde an Wien heran. Und auch der prächtige wilhelminische Bahnhof ist kaum wiederzuerkennen: Seit Straßburg per TGV mit Paris verbunden ist, erweitert ihn eine riesige, markante gläserne Blase.

Eine nach Bürgermeister Kuss (sprich: „Küss“) benannte Straße führt vom alt-neuen Bahnhof in die Altstadt: Fachwerkhäuser, Renaissanceerker, Elsässer Spitzdächer, französische Stadtschlösser und natürlich das Münster prägen wie eh und je das Stadtbild. Doch in den Erdgeschoßzonen der Bürgerhäuser wimmelt es geradezu von oft winzigen, stets trendigen Boutiquen aller Art.

Straßburg ist ein Paradies für Kulturtouristen, Powershopper und Flaneure – vor allem aber für die Genießer unter ihnen, die eine Stadt nicht unbedingt in ein paar Stunden „machen“. Selbst das hier schon immer unbewältigbare Angebot an edlen Feinkostläden und Weinhandlungen erweitert sich ständig: „Pains Westermann“ etwa heißt die neue Backstube des bekannten Sternekochs, nur einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt.

Dass Qualität und Auswahl an Broten, Törtchen, Pasteten, Lagenschokoladen und Edelkonfitüren gediegen ist, versteht sich. In unmittelbarer Nachbarschaft zeigen die jungen Affineure Christelle und Cyrille Lorho, wie Käse aussehen kann, wenn mit dem Handwerker-Adelsprädikat „Meilleur ouvrier de France“ ausgezeichnete Spezialisten Hand an ihn legen: unwiderstehlich schön. Zwischen den gutbürgerlichen Winstubs und Sternerestaurants Straßburgs eröffnet eine Bagel-, Burger-, Suppen- oder Püreebar nach der anderen, und nicht einmal der traditionelle Flammkuchen bleibt von der Lust am Neuen verschont: Das elsässische Fingerfood nützt Sternekoch Olivier Nasti im Restaurant „Flamme & Co“ als Ausgangsbasis für aufwendige kulinarische Experimente.

 

Grenzstadt und Zankapfel

Sein resolut modernes Restaurant liegt in der von Straßencafés und Boutiquen gesäumten Grand Rue, von der sich heute niemand mehr vorstellen kann, dass sie noch vor wenigen Jahren ein grauer, verkehrsreicher Bahnhofszubringer war. Heute ist sie das Herzstück einer großzügigen verkehrsberuhigten Zone, in der Fußgänger und Radfahrer bemerkenswert entspannt nebeneinander Platz finden. Mittendurch fährt die Straßenbahn, sie sorgt auch optisch für Schwung: Die Haltestellen des laufend erweiterten Netzes werden von Künstlern individuell gestaltet. Dass die Stationsansagen nicht von einer seelenlosen Tonbandstimme, sondern von den verschiedensten normalen Stadtbewohnern gesprochen werden, versteht sich da irgendwie von selbst.

Lust an der Vielfalt und ein kreativer Umgang mit Gegensätzen sind dieser Stadt und ihren Bewohnern durch die jahrhundertelange Erfahrung als Grenzstadt und Zankapfel in Fleisch und Blut übergegangen. Europäische Institutionen wie der Europarat, das Europaparlament oder der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte gehören heute fix zur Identität Straßburgs, das von seinen Einwohnern gern „Hauptstadt Europas“ genannt wird. Bitte nicht lächeln: Das Nervenzentrum des Kontinents mag Brüssel sein. Wenn Europa aber nicht nur ein Hirn, sondern auch ein Herz brauchen sollte, dann schlägt es hier.

 

Neues In-Viertel am Stadthafen

Wie vollkommen Straßburgs konfliktreiche Geschichte heute überwunden ist, sieht man am deutlichsten am Rhein: Eine 2004 eröffnete, von Marc Mimram entworfene Fußgänger- und Radfahrerbrücke verbindet Frankreich und Deutschland, ein Park wurde an beiden Ufern angelegt, und bald wird auch die Straßburger Tramway nach Deutschland fahren. Von der alten, heiß umkämpften Grenze ist nichts mehr zu bemerken, „grüne“ Wohnprojekte locken Jungfamilien ins ehemalige Niemandsland zwischen Stadt und Fluss. Am alten Stadthafen entsteht währenddessen ein neues In-Viertel: Les Docks.

Die Médiatheque André Malraux lockt dort mit einem riesigen Angebot an Büchern und audiovisuellen Medien. Schwerpunkt der Sammlung: Europa, was sonst? Die eindrucksvollen Räume verstecken ihre Vergangenheit als Speichergebäude nicht, sondern setzen sie wirkungsvoll in Szene: nackter Beton, außen silberfarben angestrichen, innen mit minimalistischem, zweckmäßigem Mobiliar ausgestattet – ein toller Ort zum Schmökern, Stöbern oder einfach nur Schauen. Nicht ganz so lässig, aber um nichts weniger urban geht es nur wenige Schritte entfernt weiter, wo zwei luxuriöse Hotelprojekte vorführen, wie man in Straßburg Alt und Neu zu versöhnen versteht: 2008 wurde das Hotel „Cour du Corbeau“, direkt an der Haupteinfallschneise Richtung Kathedrale, wieder eröffnet.

Das Gebäude aus dem Jahr 1528 ist eines der ältesten Hotels Europas; hier nächtigten illustre Gäste wie Kaiser Joseph II. Die Pflastersteine im Erdgeschoß tragen die Spuren von Wagenrädern, hölzerne Pawlatschen aus dem 16.Jahrhundert führen in topmoderne Suiten – eine fast ehrfürchtig stimmende Harmonie aus neuestem und uraltem Luxus.

Ein ähnliches Konzept verfolgen Deborah und Denis Jung, die eine 1552 erbaute ehemalige Adelsresidenz im Juli 2012 als Hotel „Bouclier d’or“ eröffneten. Auch hier erzählen sorgfältig restaurierte Fresken, Holzvertäfelungen und spätgotische Säulen eine jahrhundertealte Geschichte, ergänzt durch einen unterirdischen topmodernen Wellnessbereich. Wer in den Luxus nur hineinschnuppern will: In beiden Häusern gibt es Bars und die Möglichkeit, hervorragend zu brunchen.

Die Menschen lieben eine Stadt nicht, weil sie großartig ist, sagte der Wiener Philosoph Leopold Kohr einmal sinngemäß. Sondern: Eine Stadt wird dann großartig, wenn die Menschen sie lieben. Straßburg ist heute eindeutig und mehr denn je eine großartige Stadt.

 

WEEKEND IN STRASSBUR

Essen: 

Au pain de mon grand-père: 58, rue de la Krutenau:www.aupaindemongrandpere.com

Pains Westermann: 1, rue des Orfèvres:www.westermann.fr

Käse-Boutique Maison Lorho: 3, rue des Orfèvres:www.maison-lorho.fr

Flamme& Co: 53-55, Grand’rue. www.flammeandco.fr

Médiathèque André Malraux:
1 Presqu’île André Malraux.
+33/388/45 10 10, www.mediatheques-cus.fr

Schlafen: 

Hotel Cour du corbeau: 6-8, rue des Couples. +33/390 00 26 26, www.cour-corbeau.com

Hotel Bouclier d’or: 1, rue du Bouclier. +33/388 13 73 55.www.lebouclierdor.com
[Foto: Claudio Giovanni Colombo/istockphoto]

 

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.10.2012)

 

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