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Die Schönheit der Quincunx

02/10/2012

Clemens J. Setz‘ neuer Roman, einer der Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2012,  hier in der NZZ besprochen. Ein echter Nachteil von Print übrigens: Man kann Fehler wie die falsche Altersangabe (habe den Autor irrtümlich um ein paar Jahre  älter gemacht) nicht so leicht ausbessern wie online!

 

 

Die Schönheit der Quincunx

Georg Renöckl

Leser von Clemens J. Setz‘ neuem Roman «Indigo «erkennt man daran, dass sie das Wort «Quincunx» erklären können. So lautet der Fachbegriff für eine Konstellation, wie sie die fünf Punkte auf der entsprechenden Seite eines Würfels bilden. Um zusätzliche Punkte erweitert, wird sie zum Rautenmuster. «Indigo-Kinder», um die sich der Roman des 30-jährigen Österreichers dreht, bilden diese Formation automatisch, wenn sich mehrere von ihnen im gleichen Raum befinden: Stets halten sie einen konstanten Sicherheitsabstand zueinander und zu ihrer Umwelt. Wer ihnen zu nahe kommt, wird binnen weniger Minuten von Übelkeit, Brechreiz und unerträglichen Kopfschmerzen heimgesucht. Bei längerem Kontakt treten bleibende Organschäden auf.

Seit den neunziger Jahren gibt es in Clemens J. Setz‘ gar nicht schöner neuer Welt Kinder mit dem bedrohlichen Syndrom, und es werden immer mehr. Sie wachsen so gut wie ohne Körperkontakt und Nähe auf und sind unfähig zu jeglicher Form von Empathie. Das fiktive steirische Internat Helianau ist auf diese Kinder spezialisiert. Die Zöglinge wohnen dort in eigenen Häuschen. Dem Unterricht folgen sie, gleichmässig auf riesige Hörsäle verteilt, mit Hilfe von Operngläsern. Manche von ihnen werden aus ungenannten Gründen an geheime Orte gebracht bzw. «reloziert» und müssen dabei Karnevalskostüme tragen, doch das ist keineswegs das einzige Geheimnis des seltsamen Internats.

Ein junger Mathematiklehrer namens Clemens Setz, der nicht nur den Namen mit dem Autor gemeinsam hat, versucht, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Er hat sein Referendariat in Helianau begonnen, wurde aber nach einem rätselhaften Vorfall hinausgeworfen. Bei seinen Recherchen kreuzt er mehrmals den Weg des ehemaligen, inzwischen «ausgebrannten» Schülers Robert. Dessen schädliche Wirkung auf andere Menschen hat im Lauf der Zeit abgenommen und ist nun so gut wie nicht mehr wahrnehmbar.

Zwischen Normalität und Wahnsinn

Was man getrost verraten darf: Das Geheimnis rund um die weggeschafften Kinder sorgt zwar für Spannung und führt den Mathematiklehrer bis in einen an die Affäre Dutroux erinnernden belgischen Privatklub, doch «Indigo» will offenbar genauso wenig ein konsequent zu Ende geführter Krimi sein, wie sich der Roman der Science-Fiction oder einem der anderen Genres zurechnen lässt, aus deren Fundus er sich bedient. Seine unbestreitbare Faszination bezieht er vielmehr aus dem gekonnten Verschränken der Erzählperspektiven Roberts und des Mathematiklehrers: Beide schlittern den gesamten Text hindurch der unscharfen Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn entlang und rutschen dabei immer wieder in die eine oder andere Richtung. Ein und dasselbe Ereignis wird je nach Erzählerstandpunkt unterschiedlich erzählt, was Setz geschickt nützt, um sowohl die Handlung rund um das Rätsel der entführten Kinder voranzutreiben als auch das Vertrauen der Leser in das Erzählte immer wieder ein klein wenig weiter zu erschüttern, bis es endgültig nachhaltiger Verunsicherung gewichen ist.

Vor allem die Passagen aus Roberts Perspektive, die den Hauptstrang des Romans bilden, sind souverän erzählt. Das ehemalige Indigo-Kind hat einen Hang zu schrägen, aber treffenden Bildern. Fruchtfliegen sieht er als «Hautkrankheit der Luft», ein Funkloch als «räumliche Verschnaufpause». Die Sprache ist für ihn voller Falltüren, durch die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus der Realität in phantastische Parallelwelten flüchtet. Geprägt sind Roberts imaginierte Ausflüge von sadistischen Gewaltphantasien und seelischer Kälte. Dadurch kann auch ein scheinbar beiläufiger Satz wie «Er ging ins Vorzimmer und zerlegte einen Regenschirm in seine Einzelteile» zur unheimlichen Drohung werden: Die Aggression, die ihn zur Ersatzhandlung treibt, könnte Robert auch gewalttätig ausleben – zumindest legt der Text das nahe, wenn er es auch nicht direkt ausspricht. Nicht nur seelische Gesundheit und Krankheit, auch Ernst und Komik liegen hier dicht an dicht: Wenig später hocken Robert und seine Noch-Freundin deprimiert inmitten des Regenschirm-Massakers und geben dabei nicht nur ein einigermassen komisches, sondern auch das traurige Bild eines aneinander verzweifelnden Paares ab.

Auch der Fall des Mathematiklehrers Clemens Setz, mit dem der gleichnamige Autor das Spiel mit der Fiktionalität bis auf den Klappentext hinaus treibt, ist von fortschreitender seelischer Zerrüttung geprägt. Diese dürfte bereits auf dem Weg zum ersten Arbeitstag in Helianau eingesetzt haben: Der Junglehrer hört bei der Anreise ein Lied von David Hasselhoff in Endlosschleife. Jahre später – die Zeitebenen sind geschickt durcheinander geschoben – wird er nur im Zweifel vom Verdacht freigesprochen, einen grauenvollen Mord begangen zu haben, doch bleibt die Geschichte um einen lebendig gehäuteten Tierquäler rätselhaft und irgendwie auch nebensächlich.

Rätselhafte Beiläufigkeit

Was kein Versehen des Autors sein dürfte: Eine gewisse rätselhafte Beiläufigkeit gehört vielmehr zu den Bauprinzipien des Romans, in dem es nicht nur um Indigo-Kinder geht, sondern immer wieder auch um Tierversuche, ausgeklügelte Tunnelsysteme, die Männern, die «nur kurz Zigaretten holen» gehen, die Flucht aus ihren Beziehungen erlauben, um ein tödliches Ballonduell zweier gehörnter Liebhaber über den Dächern von Paris oder auch um die auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Elefantendame «Topsy». Der Roman listet die einsamsten Plätze des Planeten auf, wie eine Telefonzelle mitten in der kalifornischen Wüste, und geizt nicht mit intertextuellen Querverweisen in mehr oder weniger entlegene Literaturen. Tippt man den Namen eines der genannten Autoren ins Wikipedia-Suchfeld, scheint im entsprechenden Eintrag im Regelfall das Wort «Kafka» auf. In den Romantext sind ausserdem Recherche-Protokolle montiert, die der langsam dem Wahnsinn anheimfallende Lehrer in verschiedenen Mappen sammelt, sowie teils geschickt imitierte, teils nachprüfbare Lexikonartikel.

Grenzen des Verfahrens

Bei aller Lust am intellektuellen Spiel und bei aller Belesenheit des Autors stösst dieses Verfahren aber auch an seine Grenzen. Der Roman quillt nur so von grotesken Einfällen und wundersamen Anekdoten über, denen man hinterhergooglen kann oder auch nicht – dabei wird aber auch Aha-Effekt für Aha-Effekt klarer, dass sie genauso ins Leere führen wie die sich immer weiter verästelnden Rätsel rund um die Indigo-Kinder und die beiden schwer beschädigt durchs Leben schlingernden Hauptfiguren.

Wer es versteht, sich diesem dahinmäandernden Erzähl- und Assoziationsfluss voller Untiefen, Stromschnellen und heimtückischer Strudel hinzugeben, wird sein Vergnügen damit haben. Für alle anderen hält der Roman zumindest eine schöne Metapher für das Gefühl am Ende der in jedem Fall fordernden Lektüre bereit: «Robert hatte das Gefühl, dickflüssigen Sirup durch die Augen getrunken zu haben.»

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From → NZZ, Rezensionen

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