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Powidl-Patrioten und Paradeis-Partisanen

22/08/2012

Mein Kommentar in der NZZ (hier bittesehr, leicht gekürzt) zur aktuellen Sommerlochdebatte rund um das angebliche Verschwinden des Österreichischen:

 

Von Powidl-Patrioten und Paradeis-Partisanen

Eine Sprache ist ein Dialekt mit Armee und Marine, wissen wir seit Max Weinreich. So gesehen ist das Österreichische, dessen Aussterben seit Jahrzehnten angekündigt wird, erstaunlich zählebig. Auch in diesem Sommer ist es Gegenstand heftiger Diskussionen, die an Raufereien in Asterix‘ gallischem Dorf erinnern: Zuerst einmal wird dreingeschlagen, und worum es eigentlich ging, ist im Nachhinein auch schon egal.

Ausgelöst hat die Debatte ein emeritierter Wiener Germanist, der herausfand, dass österreichische Studierende vermehrt bundesdeutsche Ausdrücke wie „Treppe“ an Stelle von österreichischen wie „Stiege“ verwenden. „Die österreichische Sprache“ sei auf dem Rückzug, die „hochdeutsche Sprache“ schwappe nach Österreich, war daraufhin in österreichischen und deutschen Feuilletons zu lesen. Nicht ohne Schadenfreude wurde auf von Anglizismen verdrängte deutsche Begriffe aufmerksam gemacht, die nach Österreich flüchten und dort ihrerseits Austriazismen den Garaus machen. Ein Wiener Kabarettist mit Duisburger Wurzeln bemerkte erschrocken: „Meine Tochter und ihre Freunde reden total deutsch.“

Die Metaphern zeigen: Sprache gleicht mitunter einem Schlachtfeld. Angesichts der sichtlichen Verwirrung an allen Fronten empfiehlt sich zunächst ein Rückzug auf die Höhen gesicherter Fakten. Als da wären: Es gibt keine „österreichische Sprache“. Weiters: Das Hochdeutsche kann nicht nach Österreich schwappen, es ist schon längst da und war auch nie weg. Und: Eine einheitliche Sprache zwischen Etsch und Belt hat es nie gegeben, schließlich war man in Mitteleuropa, während anderswo etwa die Académie française gegründet wurde, gerade mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt. Die Faszination, die der deutschen Sprache ihre innere Vielfalt verleiht, gibt der Germanisten-Slang als „Plurizentrik des Deutschen“ leider nur unzureichend wieder.

Soweit, so bekannt, nur: derlei linguistisch-historische Spitzfindigkeiten interessieren heute kaum jemanden. Dafür ist „die österreichische Sprache“ mit ihren lustigen Wörtern wie „Paradeiser“ (Tomate) oder „Powidl“ (Pflaumenmus) offenbar viel zu ulkig. Und so wird über sie wie über einen verschwindenden Dialekt berichtet, dem das „Hochdeutsche“ zusetze. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Den Dialekten geht es in Österreich so gut wie nie zuvor. Es genügt, den Fernseher einzuschalten oder vielmehr aufzudrehen: In der Kochsendung, im Nachmittags-Talk, in der politischen Diskussionsrunde wird in Österreich so dahergeredet, wie und wo der jeweilige Schnabel eben gewachsen ist. Oder, viel schlimmer: Wie sein Träger glaubt, dass ihm der Schnabel hätte wachsen sollen.

Die Parallelen zu Mode und Architektur sind unübersehbar: „Die Erfindung von Tradition“ (E. Hobsbawm) wird in Österreich so inbrünstig betrieben wie sonst kaum wo. In Wien eröffnet ein Trachtenmodengeschäft neben dem anderen, auf dass die Wiener beim Oktoberfest ihre Verbundenheit mit einem Brauchtum demonstrieren können, das es in dieser Stadt nie gegeben hat. Bei Einfamilienhäusern erfreut sich ein alpin anmutender Neo-Heimatstil ungebrochener Beliebtheit, und Dialekt wird heute in Situationen verwendet, in denen er vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen wäre. Authentizität ist bei alldem natürlich Nebensache.

Wenn in Österreich also etwas gefährdet sein sollte, dann sind das daher mit Sicherheit nichtdie Dialekte, sondern eben das Hochdeutsche, das keineswegs „hereinschwappt“. Vielmehr ist es mit all seinen Besonderheiten ein Erbstück aus der vergleichsweise langen Tradition Österreichs als eigener (Vielvölker-)Staat.

Es ist auch die Sprache eines Karl Kraus, dem das Bonmot zugeschrieben wird, dass sich Österreicher und Deutsche nur durch ihre gemeinsame Sprache unterscheiden. Dumm nur, dass diese Gemeinsamkeit nach dem Zweiten Weltkrieg als so störend empfunden wurde, dass die österreichischen Nachkriegsgenerationen das Lesen und Schreiben in einem Fach namens „Unterrichtssprache“ lernen mussten, während rund um sie der Heimatfilmboom losbrach und die Dialektforschung aufblühte.

Dass eine Pflege des österreichischen Deutsch, die über bloße Folklore hinausgeht, bis heute nicht so recht gelingen mag, ist wohl einer der vielen Aspekte der verkorksten österreichischen (Nachkriegs-)Identität. Man hüte sich angesichts mangelnden Sprachbewusstseins österreichischer Studierender aber vor Schuldzuweisungen an die Globalisierung oder alle Unterschiede einebnende bundesdeutsche Medien: Wenn das österreichische Deutsch tatsächlich zwischen Dialekt und Imitation des Bundesdeutschen aufgerieben werden sollte, dann wäre das nichts als ein weiteres Symptom der Selbstprovinzialisierung eines Landes, dessen Bewohner damit offenbar gut leben können.

 

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