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Der Text, ein Leben

14/08/2012

Wunderschöne Reden, Essays und Reportagen hat Thomas Stangl in seinem Band „Reisen und Gespenster“ versammelt – absolute Leseempfehlung! Hier gehts zur NZZ-Rezension, hier unten auch:

 

 

Der Text, ein Leben

Besonders schwierig sind diejenigen Bücher zu besprechen, aus denen man seitenweise zitieren könnte. Thomas Stangls Essay-Sammlung „Reisen und Gespenster“ ist so ein Fall: Viele seiner Sätze über das Schreiben, über Musik, bestimmte Orte, wichtige Autoren und die Literatur an und für sich sind so formvollendet, dass man sie lieber ausgiebig wörtlich wiedergeben würde, anstatt lang zu paraphrasieren, einzuordnen oder zu erklären. Wer sich gerne das eine oder andere schöne Zitat aus einem Buch herausschreibt – womöglich den auch von Stangl erwähnten Satz Walter Benjamins im Hinterkopf, wonach „die Kraft eines Textes eine andere [ist], ob einer ihn liest oder abschreibt“ -, der wird Stift und Notizheft jedenfalls schon früh zücken müssen: „Lange Zeit habe ich mich bemüht, nur schriftlich zu exitistieren“, variiert Stangl Marcel Prousts berühmten ersten Satz aus der „Suche nach der verlorenen Zeit“. Ein kühner Einstieg, frei von Koketterie, der die Latte erdenklich hoch legt. Den Anspruch an seine eigenen Texte definiert Stangl dann auch als nichts Geringeres als das Auslöschen des Unterschieds zwischen Leben und Schreiben. Des zwangsläufigen Scheiterns daran ist sich der Autor durchaus bewusst, denn „das Ungreifbare und Unangreifbare ist nicht der Text selbst und ist nie meins; es ist das, was dem Text entgeht, was er umkreist.“

Das mag nun vielleicht nach schwerer Kost und unverdaulichen Philosophie-Brocken klingen, doch weit gefehlt: Stangl verfügt über die seltene Fähigkeit, Tiefgang mit Leichtfüßigkeit und Eleganz zu kombinieren. Dazu trägt der stete Wechsel von nicht allzu langen Texten verschiedener Genres wie Rede, Reportage, Bildbeschreibung, Essay und Tagebuchnotiz bei, genauso wie die Tatsache, dass Stangls literaturtheoretische Überlegungen vor allem in Reden verpackt sind, in denen der Autor um plastische Bilder für komplexe Gedankengänge bemüht ist. Gleichzeitig wirken die Texte, die im Lauf der letzten achtzehn Jahre an unterschiedlichen Orten entstanden sind, bei allen formalen und inhaltlichen Verschiedenheiten erstaunlich homogen und aufeinander abgestimmt. Das Buch beginnt mit Stangls erster Veröffentlichung, dem Bericht einer Reise zu den mexikanischen Tarahumara-Indianern auf den Spuren Antonin Artauds. Seither hat den Autor der Wunsch offenbar nicht mehr losgelassen, dem bereits erwähnten „Ungreifbaren“ schreibend immer näher zu kommen. Das Glück, das Wunderbare, den „einen Moment, in dem du lebst und alles dir gehört“, den einen Blick, der mehr über einen Menschen sagt als alle gesicherten Fakten zusammen, oder den Moment in einer fremden Erinnerung, der das eigene Leben enthält, sucht der Autor bei den Tarahumaras, in einem verregneten, tristen und fremden Tirol, in Lissabon, in Wien, im Sterbehospiz, in japanischen Kinofilmen, den Bildern längst vergessener italienischer Meister, vor allem aber und immer wieder in den Büchern anderer Autoren: „Vielleicht gibt es keine schönere, offenere, unverbohrtere Art, die Natur, das Eigene, die anderen zu finden, als die Literatur. Es muss in ihr um etwas gehen, das mehr ist als das, was man aufschreiben kann, das es aber ohne dass es aufgeschrieben ist, ohne die Form, nicht geben würde (es muss um Literatur gehen, damit es um mehr als Literatur gehen kann).“

Einen intimen Blick in den prosaischen Alltag des Schriftstellers und seine alltäglichen Nöte erlaubt schließlich der Text „Doppelte Buchführung“, der Notizen aus der Zeit vor Stangls erster Romanveröffentlichung enthält, die sich um die wirtschaftliche Lage des Autors drehen: „[D]er Roman ist viel zu weit, um ihn aufzugeben, braucht aber noch Monate; Monate, in denen ich meine Miete bezahlen muss, ich weiß nicht wovon; ich weiß nicht, wie dieses Text-Ding, das seine eigenen Gesetze hat, seine eigene Form von Perfektion sucht und mich dafür braucht, mit einer Welt, in der man jeden Monat seine Miete zu bezahlen hat, in Übereinstimmung zu bringen ist.“

Inzwischen ist trotz aller finanziellen Nöte nicht nur dieses erste, von der Kritik einhellig gefeierte Buch mit dem Titel „Der einzige Ort“ erschienen, der für einen Erstling gewaltig dimensionierte Roman von der parallelen „Entdeckung“ Timbuktus durch zwei Europäer. Die beiden folgenden, die meisten ihrer Leser wohl nachhaltig erschütternden Bände „Ihre Musik“ und „Was kommt“, die ihren Ausgangspunkt im jüdischen Wien kurz vor der NS-Diktatur nehmen, haben Thomas Stangls Ruf gefestigt, Bücher zu schreiben, welche die Mühe unbedingt lohnen, die sie zuvor auch tatsächlich gemacht haben.

Die gesammelten kürzeren Texte im vorliegenden Band bieten nun einen mühelosen Zugang zu Leben, Schreiben und Denken eines der faszinierendsten österreichischen Autoren der Gegenwart. Dass sie bei Proust nicht nur ihren Ausgang nehmen, sondern auch zu ihm zurückfinden, sei hier noch in Form des letzten Satzes verraten. Er lautet: „Ich weiß, dass ich schlafe.“

 

Thomas Stangl: Reisen und Gespenster. Graz-Wien: Literaturverlag Droschl 2012. 240 Seiten, € 22

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From → NZZ, Rezensionen

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