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Albert Drachs „Goggelbuch“

08/01/2012

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Nicht alle, sondern alle zwanzig Jahre wieder gibt es die Gelegenheit zur Entdeckung Albert Drachs (1902-1995). Zum ersten Mal war es 1964 so weit, als der streitbare Wiener Anwalt endlich seinen 1939 geschriebenen Roman „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ publizieren konnte. Das verspätete Prosadébut erschien dann gleich als erster Titel einer achtbändigen Werkausgabe. Deren Erfolg war jedoch von kurzer Dauer. In den 1980er Jahren wurde Drach wiederentdeckt und mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Seit 2002 sorgt nun der Zsolnay-Verlag für eine neuerliche Gesamtausgabe.

Deren aktuellsten Band, das „Goggelbuch“, schrieb Drach um 1940 in Südfrankreich, auf der Flucht vor den Nazischergen und ihren Helfershelfern. Die Handlung spielt im fernen 17. Jahrhundert, verweist aber auf die Gegenwart der 40er Jahre. Im blutrünstigen Zeitalter von Inquisition und Glaubenskriegen durchlebt ein skrupelloser Opportunist namens Goggel eine Reihe von Episoden, die mit einer Reise in einen Spiegel beginnen. Er verdingt sich als Diener und Söldner, vergewaltigt, raubt, betrügt, stiftet ein Pogrom an, wird zum Tod verurteilt, jedoch stets gemeinsam mit dem Leser in einem Strudel aus Bildern, Rätseln und Ereignissen weitergerissen, aus dem es kein Entrinnen und in dem es kein Verstehen gibt. Am Ende eines furiosen Sprach-, Assoziations- und Bilderrausches speit der Spiegel Goggel „frisch und neu wie eine unbefleckte Jungfrau“ zurück in sein Zimmer. Goggel beschließt daraufhin, nicht weiter über das Erlebte nachzudenken. Wege zum Verständnis dieses dunkelbunt schillernden, prophetischen Texts ebnen Eva Schobel und Gerhard Hubmann in ihrem lesenswerten, erhellenden Anhang.

 

Albert Drach: Das Goggelbuch. Werke Band 7/I. Herausgegeben von Gerhard Hubmann und Eva Schobel. Zsolnay 2011. 144 Seiten, 21.90 sFR

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